Die Qualität des Unbequemen

25. April 2004, 16:07
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Sängerin Urszula Dudziak im Gespräch

Wien - "Als ich 30 war, dachte ich, mit 60 würde kein Hahn mehr nach mir krähen. Heute genieße ich dieses Alter: Meine Kinder sind erwachsen, ich habe keine Karriereziele, die ich unbedingt erreichen muss, ich bin frei - und jeder Tag ist erfüllt. Wenn ich eine Mission habe, dann die, gegen das Stigma des Alters aufzutreten."

Irgendwann landet man im Gespräch mit Urszula Dudziak, die gestern zum Abschluss des dreitägigen Polen-Schwerpunkts im Wiener Porgy & Bess gastierte, unweigerlich beim Thema des Älterwerdens.

Mit ihrem offenherzigen Bekenntnis, im letzten Jahr die Schwelle zur Sixtysomething überschritten zu haben, setzt sie heute durchaus bewusst Zeichen. Hat doch auch das Image des Jazz als Musikform, in der Glaubwürdigkeit und Inhalt noch immer schwerer wiegen als die Verpackung, angesichts der brave alte Liedlein singenden Models, die in den letzten Jahren zuhauf ihre Gesichter von CD-Covers prangen ließen, Kratzer bekommen.

"Warum heute Vokaljazz boomt? Ich vermute, diese Musik bedeutet für viele Menschen eine Art Therapie angesichts dessen, was in der Welt so täglich passiert", bestätigt Dudziak die eskapistische Qualität insbesondere der Americana-Sounds von Norah Jones, die nach der großen Verunsicherung des 11. September vielen die Seele wärmen.

Und: "Ich habe Diana Krall zu Beginn ihrer Karriere in New York gehört. Sie sang ,Body & Soul', wie es niemand anderer singt, veränderte die Melodie vollständig - unglaublich! Auf ihrer ersten Platte hörte ich dann nur mehr netten Mainstream-Jazz. Offenbar hatte ihr der Produzent gesagt, wo es langgeht."

Dass Dudziak selbst von der neuen Aufmerksamkeit gegenüber Stimmen profitiert hätte, dafür sind ihre eigenen Vokalklänge allerdings wohl zu individuell - gründet sich ihr Ruf als eine der profiliertesten europäischen Jazzvokalistinnen doch auf ausgeprägten Nonpurismus: Während im Ensemble ihres Ehemanns, des Violinisten Michal Urbaniak, schon seit Ende der 60er-Jahre Rockjazz, freie und polnische Folklore-Einflüsse aufeinander trafen, so erweiterte Dudziak den Soundkosmos ihrer beinahe fünf Oktaven umfassenden Stimme zudem durch Elektronik à la Echoplex und Ringmodulator.

Tiefe Krise

Nachdem sich das ab 1974 in New York residierende Paar, das in mancher Hinsicht an ein jazziges Pendant zu Ike und Tina Turner denken lässt, 1985 trennte, fiel Dudziak, trotzdem sie eine Reihe vorzüglicher Soloalben vorgelegt und gerade mit einem Duokonzert mit Sangesartist Bobby McFerrin ein enthusiastisch gefeiertes Comeback in Polen gefeiert hatte, in ein tiefes Loch.

"Michal war für alles zuständig gewesen, er war Produzent, Komponist, Arrangeur, Fahrer, Agent - nun war ich allein mit zwei Kindern in Manhattan. Ein Jahr lang war ich wie gelähmt und hatte keine Ahnung, wie es weitergehen würde." Trotz Engagements im Gil-Evans-Orchester und der daraus resultierenden Mitwirkung an Sting-Platten wie Last Session und Strange Fruit kam ihre Karriere erst in den letzten Jahren, auch durch ihr Engagement im Vienna Art Orchestra, von dem Dudziak in höchsten Tönen spricht, wieder in Fahrt.

"Heute habe ich ein gutes Verhältnis zu Michal. Auch weil ich seit seinem Weggang sehr viel über mich selbst gelernt habe. Ich habe Talente an mir entdeckt und bin zufriedener mit mir als jemals zuvor. Jedenfalls viel glücklicher, als ich mit 30 war." (DER STANDARD, Printausgabe, 21.4.2004)

Von
Andreas Felber
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