"Was nützt die Liebe in Gedanken": Verwende deine Jugend

14. Juli 2004, 16:42
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"Was nützt die Liebe in Gedanken" mit Daniel Brühl und August Diehl thematisiert große Gefühle, größer als das Leben

Wien - Paul liebt Hilde. Hilde vertreibt sich ihre Zeit mit Hans. Der wird auch von Hildes Bruder Günther begehrt. Und dann ist da noch Elli, die sich in Paul verguckt und sich wider besseres Wissen auf ein Spiel einlässt, an dem letztlich alle scheitern.

Deutsche Teenager anno 1927. Coolness ist noch kein Begriff. Trotzdem wird sie zur Schau getragen, während unter der Oberfläche andere Kräfte wirksam sind. "Irgendwo auf der Welt gibt's ein kleines bisschen Glück", singt Lillian Harvey. Aber kleines Glück, ein bisschen Seligkeit ist nicht genug. Hier geht es um große Gefühle, größer als das Leben, und "wenn du am glücklichsten bist", dann ist der richtige Zeitpunkt da, sich zu verabschieden.

Paul, dargestellt vom deutschen Jungstar Daniel Brühl (Good bye Lenin!), und Günther (August Diehl) schließen also einen Pakt. Beide wollen aus dem Leben scheiden. Am Ende hat der eine erkannt, dass die Motive des anderen doch weniger romantisch waren, als sie schienen.

Was nützt die Liebe in Gedanken ist der zweite Spielfilm des 35-jährigen deutschen Regisseurs Achim von Borries (England!). Angesiedelt im Berlin der späten 20er-Jahre, basierend auf einer "wahren Begebenheit", steht dabei weniger die genaue Rekonstruktion einer historischen Ära im Vordergrund - Was nützt die Liebe ... hält sich vielmehr durchlässig für die Gegenwart und projiziert zeitgenössische Moden und Verhaltensweisen rückwärts. Das ist manchmal allzu vordergründig (wenn sich einer mit Schellacks im Scratchen versucht). Insgesamt hält es die Dinge auf leichte Art in Schwebe, auch wenn ein "Alles schon immer so gewesen" dabei gefährlich nahe liegt. Das entfaltet kurz einen gewissen Reiz, bleibt auf lange Sicht jedoch recht unerheblich.

Die Welt erscheint - bei aller Todessehnsucht - in sommerliches, helles Licht getaucht. Erwachsene bleiben im Film ebenso ausgeblendet wie konkrete Zeitgeschichte (nur einzelne August-Sander-artige Proletarierbilder erinnern da und dort an so etwas wie Klassenunterschiede). An deren Stelle rückt ein diffuses Lebensgefühl, rücken Stilbewusstsein und entsprechende Versatzstücke. Man ist sich hier vor allem selbst genug.

Mode, austauschbar

In einem derartigen Kontext sind die Dekaden (und die Moden) austauschbar: Koautor Hendrik Handloegten etwa inszenierte im Vorjahr Liegen lernen - neben Herr Lehmann und Verschwende deine Jugend eine von mehreren 80er-Jahre Reminiszenzen. Kamerafrau Jutta Pohlmann fotografierte auch das notorisch gestylte RAF-Porträt Baader.

Während in Österreich ganz andere Traditionen Schule machen, ist der Hang zur dezidiert nicht "realistischen" Rückprojektion im jüngeren deutschen Kino also keineswegs ein Einzelfall. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.4.2004)

Von
Isabella Reicher

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liebe-in-gedanken.de
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    foto: filmladen
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