Retroprinzessin im Quotenclub

25. April 2004, 16:07
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Jazzsängerin Diana Krall hat bewiesen, dass man auch mit alten Hadern in die Popcharts kommt - Jetzt präsentiert sie neues Album

Jazzsängerin Diana Krall hat den zurzeit grassierenden Trend des nostalgischen Gesanges mitbegründet und gezeigt, dass man auch mit alten Hadern in die Popcharts kommt. Mit der CD "The Girl In The Other Room" will die 39-jährige Kanadierin wieder durchstarten.


Paris - Altmodisch war womöglich immer irgendwie cool. Aber jene Ausmaße, die das Ganze momentan annimmt, lassen die Gegenwart als auffällig sentimental erscheinen. Sicher, Dekadenzler Bryan Ferry gönnte sich einen Ausflug zum alten amerikanischen As Times Go By-Repertoire. George Michael tauchte in die swingende Popmusik ein. Und auch Robbie Williams leistete sich einen netten Ausrutscher auf dem Parkett der Sinatra-Verehrung.

Waren dies jedoch nur kurze Selbstverwirklichungs-Zwischenstopps in der Nostalgiebar, tritt uns heute in Form juveniler Gesichter wie Jamie Cullum, Norah Jones, Jane Monheit und Joss Stone (um nur die Kommerzspitze zu nennen) eine lukrativ durchstartende Bewegung entgegen, deren Vertreter sich, ohne rot zu werden, dem Revivaltaumel zwischen Jazz, Soul und Folk hingeben. Und dem jungen Publikum die Möglichkeit geben, Erziehungsberechtigte zu schrecken, weil es Evergreens der Großeltern hört. Jene Dame, die in Paris zum Showcase geladen hat, um ihre neue CD The Girl In The Other Room (Universal) erst einmal nur vor geladenen Gästen live zu erproben, ist mit schuld an dieser Entwicklung. Pop hat der Kanadierin Diana Krall nie viel bedeutet; ihre berufliche Entscheidung traf die 39-Jährige während des Stöberns in der väterlichen, strikt jazzigen Plattensammlung.

Noch heute ist sie stolz darauf, zwecks Mietenfinanzierung nie irgendeinen Job angenommen, sich vielmehr als Jazzpianistin und -sängerin in Bars und Hotels durch härteste "Ausbildungskurse" über Wasser gehalten zu haben: "Ich spielte zwar Cha-Cha-Chas in leeren Hotelbars in Schweden; andere finanzieren ihre Jazzsucht jedoch mit beliebigen Tagesjobs. Das musste ich nie."

Irgendwann flatterte indes ein Plattenvertrag daher, und siehe da: mit einem Repertoire aus jener Zeit, da Sinatra seiner Ava Gardner nachweinte, wuchs von Einspielung zu Einspielung der Kreis der Interessenten. Mittlerweile bewegt sich Krall bei CD-Verkäufen nicht nur weit über dem, was große alte Damen wie Helen Merrill oder Abbey Lincoln absetzen. Auch nach Popmaßstäben geht ihr Geschäft sehr gut, spielt sich in Millionenhöhe ab.

Trat sie noch vor einigen Jahren im Jazzland auf, stöhnt nun etwa das Wiener Konzerthaus darüber, wie schwer es war, die Retroprinzessin dazu zu bewegen anzureisen. Krall, die nun im November doch kommt, sei andere Raumdimensionen gewöhnt. Wer sie engagieren will, zahlt übrigens kolportierte 50.000 Euro.

Alte Meister

Mag sie im Laufe der Jahre auch etwas an Glattheit zugelegt haben - eine konzessionsbeladene Show ist nicht zu sehen. Auf der Bühne von Radio France sitzt eine spröde Dame, die mitunter so freundlich dreinblickt wie ein Grenzbeamter in Hegyeshalom. Nicht persönlich nehmen. Hier will jemand alten Meistern wie Nat King Cole gerecht werden; es geht auch um den alten Jazztraum, den Krall von Mentor Ray Brown, dem verstorbenen Bassisten, mitbekommen hat:

"Ich habe noch immer seine Stimme im Ohr: ,Come on, Krall!' Gemeinsam diesen Punkt beim Improvisieren zu finden, an dem es passiert. Bang! Und man weiß, man schafft es. Davon träume ich, und deshalb bin ich hier!" Das aktuelle Material, das als Kommunikationsgrundlage fungiert, ist zum Teil Folge jener Beziehung, die auch Plattenbosse - in der Hoffnung auf kommende Crossoverprojekte - glücklich macht.

Krall hat da manches zusammen mit ihrem Gatten und Popsänger Elvis Costello komponiert. Da ist einiges nur hübsch, anderes sehr hübsch. Aber es ist immer diese Stimme, die in ihrer intimen, verrauchten Art jegliches Material adelt. Es ist bei Krall wie bei allen guten Interpreten: Sie könnte auch vertonte Speisekarten als substanzvolle Songs erscheinen lassen.

Was Wunder, dass dann ein guter Song wie Almost Blue (vom Gatten Costello) etwas Magisches transportiert. Krall kann mit zwei Noten eine musikalische Situation in den Rang einer Besonderheit heben. An den Noten hängen Tränen, Krall klingt gleichsam, als wäre sie mit dem Whiskeyglas in der Hand auf die Welt gekommen. Und sie befolgt nach wie vor den Rat ihres Lehrers Jimmy Rowles: "Man muss nicht brüllen, um seine Sache rüberzubringen." (DER STANDARD, Printausgabe, 21.4.2004)

Von
Ljubisa Tosic
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    Es war einmal, aber es ist immer noch schön: Diana Krall besingt das "Great American Songbook", hat aber auf der neuen CD auch Eigenkomponiertes im Angebot.

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