"Vertriebene Vernunft"

27. April 2004, 11:11
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Nobelpreisträger Walter Kohn war anlässlich einer Diskussion um Wissenschafts-Verluste durch den Nationalsozialismus in Oberösterreich

Wels - Zu einem zeitgeschichtlichen Diskussionsabend unter dem Titel "Vertriebene Vernunft - Die Verluste der österreichischen Wissenschaft durch den Nationalsozialismus" lud die Arbeiterkammer und die "Welser Initiative gegen Faschismus" Montag Abend. Im Mittelpunkt stand der aus Wien stammende und in den USA lebende Chemiker und Nobelpreisträger Walter Kohn, der als Kind nach England geflohen war und den Verlust der Eltern, die im Konzentrationslager Auschwitz ihr Leben verloren, nie verwunden hatte.

Kohn stellte bei seinem Oberösterreich-Besuch klar, dass das Verhältnis zu seiner Geburtsstadt auch 60 Jahre nach der Vertreibung durch die Nazis nach wie vor nicht gänzlich unbelastet ist. "Ich habe nach dem Krieg immer wieder Kontakte nach Österreich gehabt und auch etliche Male Wien besucht. Trotzdem sind solche Besuche bis heute mit sehr viel Emotionen verbunden. So rede ich zum Beispiel bis heute ungern deutsch", erklärte Kohn. Man könne mit solchen Erlebnissen zwar "leben lernen, ein Vergessen ist aber unmöglich", so Kohn.

"Sehr späte" Einladung

Er habe auch von Seiten der österreichischen Regierungen erst "sehr spät" eine Einladung bekommen, zurückzukommen. "Aber wahrscheinlich hätte ich sie vorher auch gar nicht angenommen", so Kohn. In der Ära Waldheim sei er nie nach Österreich gereist. "Alle hätten über seine Vergangenheit gewusst und trotzdem wurde er Bundespräsident", kritisierte Kohn.

Der 1939 geborene Wissenschafter, der in Kalifornien lebt und 1998 den Chemie-Nobelpreis für seine "Dichte-Funktionaltheorie" erhielt, ist nicht nur in den USA ein kritischer Polit-Beobachter, der immer wieder öffentliche Protestmaßnahmen gegen die amerikanische Rüstungspolitik organisiert, sondern lässt seine Blicke bis heute auch gerne in die Politiklandschaft des fernen Österreich schweifen. Vor allem den Ausgang der nahenden Bundespräsidentenwahl erwarte er mit Spannung, so Kohn. (APA)

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    Nobelpreisträger Walter Kohn (Archivbild Juni 2003)

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