Sternstunden eines Klangregisseurs

23. April 2004, 12:19
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Wolfgang Mitterers Vertonung von Murnaus "Sunrise" im Konzerthaus

Wien - Zwei Jahre ist es her, dass Wolfgang Mitterer als Ein-Mann-Band zur furiosen Beschallung von Nosferatu in Aktion trat. Eine Fortsetzung schien logisch, ja geradezu zwingend, zeichnet sich doch die Musik des Osttiroler Komponisten und Improvisators durch sinnlich-plastischen Bildreichtum, kraftvolle und detailgenaue Epik aus.

Auf die Symphonie des Grauens folgte nun also das Lied von zwei Menschen: Mit der Vertonung von Sunrise (1927) hat Mitterer erneut eine von Friedrich Wilhelm Murnau im Untertitel ausgesprochene Quasieinladung angenommen, klassische Stummfilm-Kader in Musik zu setzen.

Mitterers nunmehr für spätromantisches Riesenorchester gesetzte Soundtrack-Partitur, die den Niederösterreichischen Tonkünstlern unter Peter Rundel am Sonntag im Großen Saal des Wiener Konzerthauses vieles abverlangte, schien dem inneren Psychodrama denn auch in eindringlicher Weise äußere Gestalt zu verleihen. Als würden zwei Erzählstränge gleichzeitig ablaufen, sah sich Murnaus Film ohne Worte einer mit Klängen erzählten Geschichte ohne Bilder gegenüber, fand sich in ihr gespiegelt, ergänzt, antizipiert, mit flüchtigen illustrativen Momenten als synchronen Brücken.

Mitterers Entscheidung, die Vielschichtigkeit, Flüchtigkeit aufgewühlter Emotionen mittels eines kompositorischen Remixes romantischer Orchesterliteratur zwischen Berlioz' Symphonie fantastique, Bruckner, Tschaikowsky u. a. bis hin zu Verdis Requiem wiederzugeben, war eine gewagte, letztlich aber erfolgreiche: Ermöglichten doch die einkomponierten historischen Zitate ein Wechselspiel aus Nähe und Distanz, aus emotionaler Identifikation und stilisierter Nostalgie, Déjà-vu und neuen Klängen, zumal die so generierte Analog-Sample-Struktur mittels elektronischer Livesounds durch den Komponisten selbst sonische Übermalungen erfuhr.

Apollinische Streicherklänge über Handlungsabgründe hinweg zu halten oder mittels fratzenhaft verzerrter elektronischer Klänge in traumhaft-traumatische Schatten aufzulösen: In solchen Momenten gespenstischer Doppelbödigkeit bewies Mitterer nicht nur erneut grandiose Begabung als Komponist, sondern auch als Klangregisseur. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.4.2004)

Von
Andreas Felber
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    Filmszene aus Murnaus "Sunrise"

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