Ärger über Interview von Colin Powell

20. April 2004, 18:43
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US-Außenminister verriet dem Journalisten Bob Woodward für dessen Buch "Plan of Attack" Details der Planung für den Irakkrieg

Watergate-Enthüller Bob Woodward sorgt wieder einmal für politische Wellen: Diesmal geht es um einige Geschichten, die ihm der amtierende Außenminister verraten hat. Präsident Bush ist über Colin Powells Freimut keineswegs amüsiert.

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Spätestens im November könnten die Tage von Colin Powell als Außenminister im Kabinett von Präsident George W. Bush gezählt sein, selbst wenn Bush wiedergewählt werden sollte: Im Weißen Haus ist man verärgert, dass Powell dem legendären Journalisten Bob Woodward offenbar als wichtige Quelle für dessen jüngstes Buch "Plan of Attack", einem Bericht über geheime Vorbereitungen für den Krieg gegen den Irak, zur Verfügung gestanden ist.

Cheney in "fiebriger Stimmung"

In einem Interview für die CBS-Sendung "60 Minutes" am Sonntagabend erläuterte Woodward unter anderem, dass Powell von konkreten und geheimen Kriegsplänen im Jänner 2003 erst informiert wurde, nachdem der saudi-arabischen Botschafter, Prinz Bandar bin Sultan, schon eingeweiht worden war. Powell soll Bush vor einem Krieg und dessen möglichen Folgen gewarnt haben. Vizepräsident Dick Cheney sei laut Powell wegen des Irak und Saddam in absolut "fiebrige Stimmung" versetzt worden.

"Todsichere Sache"

Laut Woodward sei es jedoch CIA-Direktor George Tenet gewesen, der Bush letztlich von der Existenz der Massenvernichtungswaffen überzeugt habe: Es handle sich um eine "todsichere Sache", soll Tenet Bush vor dem Krieg mitgeteilt haben.

Kongress nicht informiert

In seinem Buch führt Woodward auch aus, dass Bush bereits im Sommer 2002 etwa 200 Millionen Dollar von einem vom US-Kongress bewilligten Betrag für den Krieg in Afghanistan abgezweigt habe, um Vorbereitung für eine Invasion im Irak zu treffen. Der Kongress sei von dieser Abweichung nicht verständigt worden. Die Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice erklärte Sonntag, Woodwards Buch enthalte eine Reihe von Ungenauigkeiten; so sei sie überzeugt, dass Colin Powell in alle Vorbereitungen eingebunden gewesen sei.

Rice nahm auch zur Entscheidung des neuen spanischen Premiers José Luis Rodríguez Zapatero Stellung: Sie befürchtet, dass Terroristen "die falsche Lehre" ziehen würden und Versuche unternehmen könnten, die Alliierten weiter zu entzweien. Im Weißen Haus hatte man die Entscheidung zwar erwartet, allerdings soll Präsident Bush bitter enttäuscht gewesen sein, da es nun möglicherweise schwieriger sein werde, zusätzliche internationale Kooperation im Irak zu erhalten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.4.2004)

Susi Schneider aus New York

Link

Woodward: Tenet told Bush WMD case a 'slam dunk'

auf cnn.com

"Plan of Attack" erscheint Ende Juli auf Deutsch in deutscher Sprache

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    Ein Bild aus besseren Zeiten: Präsident George W. Bush mit seinem Außenminister Colin Powell

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