Ein Viertel der Kinder leidet an Migräne

22. April 2004, 15:37
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Tun kann man dagegen kaum etwas, man kann nur die Häufigkeit reduzieren, sagt Cicek Wöber-Bingöl von der Universitätsklinik für Neuropsychiatrie am AKH

Wien - Kopfschmerz kommt bei Kindern fast genauso stark und häufig vor wie bei Erwachsenen. Allerdings werden die Symptome oftmals gar nicht oder nicht rechtzeitig erkannt. "Bis vor wenigen Jahren war Kopfweh bei Kindern sozusagen nicht salonfähig", sagte Cicek Wöber-Bingöl, Oberärztin der Kopfschmerzambulanz der Universitätsklinik für Neuropsychiatrie am AKH, zum STANDARD. Experten wollen dem Problem beim sechsten Kinderkopfschmerz-Kongress in Wien von Mittwoch bis Freitag auf den Grund gehen.

In den westlichen Ländern haben 60 bis 80 Prozent der Kinder unter zehn Jahren schon einmal in ihrem Leben Kopfweh gehabt. Fast ein Viertel der österreichischen Kinder und Jugendlichen leiden unter immer wiederkehrenden Kopfschmerzen. Dabei handelt es sich zuallermeist um Migräne oder Spannungskopfweh und nur selten um durch organische Krankheiten hervorgerufene Kopfschmerzen. In den letzten Jahrzehnten nahm die Zahl der Fälle zu. Von den 3800 der seit 1991 in der Kopfschmerzambulanz behandelten Kindern haben 2600 Migräne.

"Migräne ist eine angeborene Krankheit, wir wissen aber nicht, warum genau sie auftritt: Entweder man hat sie, oder man hat sie nicht", macht Wöber-Bingöl klar, und: "Man kann nur die Häufigkeit reduzieren." Stressfaktoren, wie Reizüberflutung, Streit in der Familie oder Hektik schon in der Früh vor der Schule können Auslöser für häufigere Migräneattacken bei Kindern sein. Auch Depression und andere psychische Belastungen können die Attacken verstärken. Eine Behandlung, betont die Neurologin, sei daher individuell vorzunehmen.

Gesicherte Erkenntnisse mehren sich auf dem Gebiet jedoch nur langsam. Sowohl in der Akuttherapie als auch bei der Vorbeugung gibt es nur wenige aussagekräftige Untersuchungen. Pharmazeutika werden daher unter dem zehnten Lebensjahr nur wenn unbedingt notwendig gegeben. Auch ein Erfolg homöopathischer Medikamente ist nicht belegt. In der Akutbehandlung genüge jedoch "meistens Ruhe und Schlaf", in der Vorbeugung sei eine Umstellung des Lebensrhythmus nötig, sagt Wöber-Bingöl: "Es ist sehr wichtig, wie wir mit dem Alltag umgehen." Andere Behandlungen sind Biofeedback, Akupunktur oder autogenes Training.

Nebeneffekte

Eltern sollten eine Ambulanz aufsuchen, wenn sich die Häufigkeit oder der Ort der Schmerzen ändert. "Normalerweise hängt die Häufigkeit vom Alter ab: Bei Sechsjährigen tritt die Migräne sechsmal im Jahr auf, bei Siebenjährigen siebenmal, und so weiter bis zur Pubertät", erklärt die Neurologin: Überschreitungen sowie Kopfweh, das im Schlaf auftritt, sollten alarmieren. Nebeneffekte reichen von Seh-, Gehör- oder motorischen Störungen bis zu Lähmungen und Situationen geistiger Verwirrtheit, in denen Betroffene buchstäblich "neben sich" stehen. Eltern und Kinder können sich am Sonntag, 25. April, von 9.30 Uhr bis 11.30 Uhr im Hörsaal A des AKH kostenlos informieren. (Eva Stanzl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 4. 2004)

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