"Kill Bill Vol. 2": Killer-Charme eines ewigen Träumers

15. Juli 2004, 11:11
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Alte, geliebte Versatzstücke der westlichen und fernöstlichen Popkultur, cool serviert: "Kill Bill Vol. 2"

Das macht in Quentin Tarantinos abschließenden Episodenfolge einer ergötzlichen Actionserienhommage, Sinn und Freude. Man könnte ewig so weitermachen. Oder?


Wien - Das Problem heute: Alles ist schon gegessen; trotzdem soll es immer "frisch" zubereitet werden. Rache zum Beispiel, als Thema ein echter Dauerbrenner, also vermutlich sehr heiß: Sie wird - so steht's in Inserts zu Kill Bill - am besten kalt serviert. Eiskalt. Und das ist dann cool.

Foto: Buena Vista
"Es hat zweifelsohne Konsequenzen, wenn man das Herz eines mörderischen Bastards bricht." David Carradine und Uma Thurman in "Kill Bill Vol. 2".

Jede Abkühlung braucht aber Zeit. Daher ist Kill Bill, wie fast alle Filme von Quentin Tarantino, ein ziemlich langer Film. 247 Minuten für zwei Teile, bei denen der eine (superbrutal, comichaft und schnell) ohne den anderen (auch brutal und comichaft, aber drastisch verlangsamt) kaum ausreichend zu würdigen ist - so etwas nennt man gemeinhin gerne ein Epos.

Kill Bill ist aber eher ein Episodenfilm. Monumental und von "epischer" Tiefe sind, quasi als Subgeschichte, bestenfalls die Popverweise auf B-Pictures und Superhelden-Comics, aus denen Tarantino sein inszenatorisches Selbstverständnis bezieht. Aber insgesamt hält sich jedes Kapitel des Rachefeldzugs der Killer-"Braut" (Uma Thurman) an eine, wenn man so will zwei- dimensionale Serienlogik: 1.) Exposition des kommenden Konflikts/Kampfes: Wo und wie haust der "Gegner"? 2.) Eine kurze oder längere Phase, in der die Heldin zu spüren bekommt, wie "stark" und/oder skrupellos der Gegner ist. 3.) Befreiungsschlag, immer weiter gesteigerte Kampfkunst, und die Hoffnung, dass die nächste Episode die vorangehende toppt.

Tarantino hat es selbst in Interviews erklärt: Im Fernsehen ergäben die zehn Kapitel von Kill Bill eine nette Spätabend-Actionserie. Im Kino wiederum wäre der lange blutige Marsch der "Braut" am besten bei Vorführern aufgehoben, die nach jedem Kapitel eine Popcorn-Pause einlegen.

Kostbare Momente

Aber natürlich ist das, wie immer bei Tarantino, nur die halbe Geschichte. Denn wo konventionelle Actionregisseure alte Muster bestenfalls "frisch" repetieren, wird bei Tarantino über die "alten" Muster auch noch geredet: Das schafft "kostbare" Verzögerungen. Wo sich Hollywood oft zu ernst nimmt, stellt sich Tarantino gern blöder, als er ist: Damit hat er die Lacher auf seiner Seite. Und wenn anderswo pragmatisch Geld und Material investiert wird, dann spendet Saint Quentin vor allem Herzblut.

Die prototypische Szene für diese unverwechselbare Mischung aus Heldenverehrung und Hingabe war einstmals in Pulp Fiction das Tänzchen zwischen John Travolta und Uma Thurman: nichts anderes als ein Kindheitswunsch eines ewig kindlichen Exvideothekars, der nur einmal im Leben den Star aus Saturday Night Fever tanzen sehen wollte, mit der für ihn schönsten Frau, mit der coolsten Musik ever. Die Spannung und die Erotik dieses Moments verdankte sich schlicht und komplex zugleich der köstlichen Trauer darüber, dass es so einmal war. Dass es so möglicherweise nie wieder geworden wäre. Und jetzt die Freude, dass es - im Kino! mit all seinem Aufwand! - doch noch geht.

Seither ist Hollywoods Vertrauen gegenüber cinephilen Exvideothekaren und ewigen Kindern eindeutig gestiegen. Quentin Tarantino kann es sich mittlerweile erlauben, gleich über zwei Filme und vier Stunden hinweg schönste Posen für seine liebsten Stars zu kreieren. Hier David Carradine, den seit dem TV-Serienhit Kung Fu kaum noch jemand richtig ernst nahm (außer Tarantino), da etwa Michael Madsen oder Daryl Hannah (Tarantino sind sie ungebrochen lieb und teuer) - und im Zentrum des ganzen Kampftheaters: Uma Thurman, die heutzutage in der zweiten Reihe hinter Tussis wie Julia Roberts stehen muss, obwohl sie in den 40er-Jahren eine Diva vom Format einer Dietrich gewesen wäre.

"Guilty pleasures"

Wieder einmal also: Was eigentlich nicht ist - hier kann es sein. Und dazu, jetzt vor allem in Volume 2, die Tarantino-Dialoge, in denen "Figuren" (nein, keine Menschen) darüber reden, dass sie reden. Erinnerungen an Gangsterfilme, Spaghettiwestern und andere "guilty pleasures", mit denen man einst "unter sich", also eine Minderheit war. Und jetzt, zumindest für wenige Wochen im großen Kino, ist man eine Mehrheit. Ganz lange kann man nachher darüber (und über sich selbst) reden. Das Leben ist unser Lieblingsfilm ist ein Vereinslokal.

Nein, man ist ganz sicher kein Spielverderber, wenn man dann sagt, dass man von Quentin Tarantino mittlerweile eigentlich doch mehr erwartet hätte. In diese (Blut-)Suppe/Bloody Mary, perfekt angerichtet und cool, spuckt ihm so leicht keiner. Dennoch: Manchmal, wenn man hört, wie der Regiestar Idole wie Brian de Palma (ja, Scarface!) oder John Woo (The Killer) herbeizitiert, dann vermisst man etwa in Kill Bill schon die vergleichbaren Fallhöhen und Tiefen - gerade nach Tarantinos Jackie Brown, wo man das Gefühl hatte, dass der Filmemacher eine profundere Weltsicht ansteuerte.

Hier jedoch: Man sieht, dass Uma Thurman kaum jemals mehr Einsatz (in jedem Sinne) geboten hat und dass David Carradine tatsächlich einen ungeheuerlichen Killer-Charme entfaltet. Man ist durchaus amüsiert von Einfällen wie jenem, dass man in engen amerikanischen Wohnwägen mit fernöstlichen Langschwertern schlicht nicht fair kämpfen und tanzen kann.

Gleichzeitig vermisst man aber Momente, die über einen Rückblick auf "liebste" Dinge und Szenen hinausgehen. Die Geschichte und ihre Charaktere verhalten sich wie der Regisseur und Autor: Sie (und wir mit ihnen) könnten ewig so weitermachen. War das schon alles? (DER STANDARD, Printausgabe, 20.4.2004)

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    foto: buena vista
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