Kim Jong-il auf geheimer Mission in China

20. April 2004, 20:29
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Im Zug nach Peking - Atomstreit mit USA als Anlass - Pjöngjang: Cheney "mental gestört"

Nordkoreas Machthaber Kim Jong-il befindet sich auf mehrtägigem Geheimbesuch in Peking. Mit dem Besuchsprogramm vertraute südkoreanische und russische Medien berichteten, dass der Diktator vor der chinesischen Führung seine kompromisslose Politik im Atomstreit mit den USA rechtfertigen und um weitere Wirtschaftshilfe bitten wolle. Kim traf nach diesen Angaben kurz nach seiner Ankunft am Montag mit Parteichef Hu Jintao^ zusammen.

Der "Geliebte Führer" war im Sonderzug nach Peking über die Grenzstadt Dandong gereist. So wie sein verstorbener Vater Kim Il Song meidet auch der Sohn Flüge. Offiziell wurde sein Eintreffen nicht bestätigt. Das staatliche Abendfernsehen verschwieg Besuch und Begegnung.

China ist das einzige Land von dem der stalinistisch beherrschte Staat umfangreiche Getreide-, Öl- und Energiehilfe erhält, und auch sein einziger politischer Verbündeter. Kim kommt eine Woche nachdem US-Vizepräsident Richard Cheney die Pekinger Führer mit neuen Erkenntnissen des Pentagons über die fortschreitende atomare Aufrüstung Nordkoreas konfrontiert hatte. Cheney bat sie um stärkeres Engagement und warnte, dass Zeit und Geduld der USA gegenüber Pjöngjang ablaufen. Washington könne es nicht hinnehmen, dass über Nordkorea Raketen und Nuklearwaffen in die Hände von Terroristen gelangen könnten.

Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA attackierte am Wochenende unmittelbar vor Kims Reisebeginn die Äußerungen von Cheney. Ein Regierungssprecher beschimpfte ihn als Lügner, "Boss der Neokonservativen" und "mental gestört". Wenn die USA weiterhin auf ihrer Forderung nach "vollständiger, nachprüfbarer und unumkehrbarer Aufgabe des A-Waffenprogramms" bestehen, wolle Nordkorea nicht noch länger mit ihnen zu tun haben.

Nach Ansicht des Nordkorea-Experten der Parteihochschule, Zhang Liangui, setzt Pjöngjang damit die Hürden für eine vor Juni vereinbarte Fortsetzung der Sechsergespräche zur Lösung des Atomstreits weiter hoch. "Nordkorea will offenbar die US-Wahlen abwarten." Die Gefahr bestehe, dass sie dabei den Bogen überspannen, so Zhang.

Schwieriger Fahrplan

Chinas Führung, die zweimal Gastgeber der Sechserrunde für die schwierigen Verhandlungen mit Pjöngjang war, erwartet von Kim, dass er den von allen Staaten vereinbarten Fahrplan für die Fortsetzung der Gespräche vor Ende Juni einhält. Westliche Diplomaten schätzen die Chancen dafür schlecht ein. Pjöngjang hätte bereits eine für März geplante Einberufung einer Arbeitsgruppe zur Vorbereitung der nächsten Verhandlungsrunde verschleppt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.4.2004)

Johnny Erling aus Peking
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong II.

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