Kennst du eines, kennst du alle

22. April 2004, 13:12
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Tatsache ist, dass sich große Bierlokale seit ungefähr zwanzig Jahren ungebrochener Beliebtheit erfreuen. Obwohl sie immer das Gleiche bieten – oder gerade deshalb?

Vom Schweizerhaus im Prater und dem Müllner Bräu an der Salzach einmal abgesehen – die dürfen als Kategorie für sich gelten – dürfte das Krah Krah im damals noch inexistenten Bermuda-Dreieck das erste Bierlokal der Bierlokal mäßigen Gegenwart gewesen sein: Grobes Holz, Beisl mäßige Grundausstattung, eine kupfer-blinkende Schank, überbackene Riesenschwarzbrote. Sepp Fischers Bierlokal war eine Sensation damals, bald kam der Lämmerer an der Hülben, wo Architekt Klaus Becker weitere Bierlokal-Akzente setzte, die von da an unverändert blieben, Mitte der 80er-Jahre machte Fischer die Sache mit seinem „Fischerbräu“ dann rund, und seither tat sich eigentlich nicht mehr viel in Sachen Bierlokal-Weiterentwicklung.

Wenn man sich die Speisekarten von Krah Krah oder Fischerbräu hernimmt und mit dem vergleicht, was in heutigen, neuen Bierlokalen angeboten wird, sind außer der Verdoppelung der Preise, der Verfünffachung des Convenience-Aufkommens und einer gewissen Tendenz in Richtung pseudo-amerikanischer Tex-Mex-Küche (Burger, Steal, Jalapenos ...) kaum Unterschiede festzumachen, genauso wenig übrigens wie beim Design, wo es offenbar ein Tabu ist, die ewig gleiche Geschichte mit dem grünen/braunen Holz, den tief hängenden Messinglampen, den groben Naturholztischen und so weiter zu verändern. Warum eigentlich?

„Mailänder Toast“, „gratinierte Schinkenfleckerl“, „Bierkutschergulasch“

Haben die großen Brauereien (denen die großen Bier-Lokale meistens gehören, die kleineren übrigens auch) nicht mehr Ideen, befragen sie keine Trendscouts, fahren sie nicht ein bisschen in andere Länder, um zu sehen, was sich Bierlokal-mäßig dort so tut? Oder sind sie vielleicht ein bisschen feige, und machen es lieber so, wie es seit mittlerweile zwei Jahrzehnten gemacht wurde, vertrauen auf die Strahlkraft ihrer Brauerei-Produkte, auf dass das geblendete Publikum nicht mehr bemerkt, dass man ihnen noch immer den berüchtigten „Mailänder Toast“, die „gratinierten Schinkenfleckerl“, das „Bierkutschergulasch“ und ähnliche kulinarische Großleistungen unter die Nase reibt.

Dabei kann man ja nicht wirklich behaupten, dass diese Dinge so unbedingt gut zu Bier passen, da gäb’s ganz anderes, wenn man sich nur einmal ein bisschen den Kopf zerbrechen und ein wenig ausprobieren würde. Es steht jedoch zu befürchten, dass das Bierlokal-Publikum an einer Veränderung vielleicht gar nicht interessiert ist, dass es lieber kalorienreiche Fertigkost zu sich nimmt, weil es das vor zwanzig Jahren ja auch schon tat, und weil ja überhaupt alles eher so bleiben soll, wie es schon immer war. Und wenn nicht (siehe österreichisches Bier), dann soll man es dank Werbungs-Gehirnwäsche zumindest nicht merken, dass es sich verändert/verschlechtert hat.

Was muss ein Bierlokal leisten?

Aber in Bayern schauen die Biergärten ja auch seit immer und ewig gleich aus, schmettert einem da vielleicht das Argument entgegen. Nun ja, bayrische Biergärten sind tatsächlich eine beständige Größe in diesem bekannt umstürzlerischen Lande, tatsächlich kann man die bayrische Bierkultur mit der österreichischen aber nur schwer vergleichen (unpassender Vergleich gefällig: das wäre wie SZ und Kurier oder wie BMW und „Austro-Porsche“), und außerdem schießen etwa in München neue, kontemporäre und individuelle Bierlokale nur so aus der fruchtbaren Erden – nicht alle gut, keine Frage, aber zumindest nicht uniform.

Stellen wir also die Frage: Was muss ein Bierlokal denn leisten? Es muss Bier getrunken werden, je mehr, desto besser, weil dann freut es den Besitzer und es freut auch den Konsumenten, weil Bier ja nicht unbedingt besser wird, wenn es da so in den Fässern liegt (glaube ich zumindest, weiß es aber nicht genau). Und was ist dafür notwendig? Salziges Essen? Bier-affine Klischees? Nicht unbedingt, es ist eher eine Frage der Atmosphäre, wie immer, und Atmosphären sind nicht festgeschrieben, sondern müssen erforscht werden. Und ob das passiert, solange Lokale wie das „Sternberg“, um nur das aktuellste Beispiel zu nennen, funktionieren? Sicher nicht, warum denn auch, Prost.

von Florian Holzer
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