Der Blick auf das inhaltliche Ganze

26. April 2004, 11:58
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Forscher fordern, Kongressland Österreich nicht nur touristisch zu sehen

Welchen Nutzen haben internationale Forschungskonferenzen für Österreich? Wien Tourismus hat kürzlich Zahlen für die Hauptstadt vorgelegt: Demnach soll der Wiener Kongresstourismus 2003 279 Millionen Euro zum Bruttoinlandsprodukt beigetragen haben.

Für manch einen Forscher ist der Blick auf diese Zahlen allein aber nicht genug. Manfred Tscheligi etwa, der die Konferenz CHI 2004 (24. bis 29. 4. in Wien mit 1800 Teilnehmern) über die Beziehung zwischen Mensch und Computer organisiert, sieht den inhaltlichen Aspekt bei derlei Betrachtung "unterentwickelt". Man überlege seitens der öffentlichen Hand viel zu wenig, wie man die vorgetragenen Erkenntnisse international renommierter Experten nützen und das Land als Forschungsstandort im jeweiligen Bereich noch besser etablieren könnte. Tscheligi hätte schon einige Vorschläge: "Die Finanzierung von Stipendien beispielsweise, um interessierten Studenten die Teilnahme zu ermöglichen. Sie könnten dann auch mit den Wissenschaftern arbeiten." Dem Usability-Forscher geht auch die Motivation des heimischen Mittelstands ab, an solchen Konferenzen teilzunehmen. "Hier hätten sie die Möglichkeit, sich auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen."

Letztlich könne er keine Strategie erkennen, "um so ein Event technologiepolitisch zu nutzen". Einige Konzepte dazu seien während der Kongressvorbereitung "geradezu verhungert". Die Tourismusstadt Wien hilft zwar mit der klassischen Kongressförderung - im vorliegenden Fall 30.000 Euro. In letzter Minute gelang es auch noch, mit dem Wirtschaftsministerium eine Nebenveranstaltung für die nationale Forschungsszene zu gestalten. Alle anderen Sponsoren musste er aber in der Privatwirtschaft finden.

Von ganz ähnlichen Bedingungen berichtet Informatikprofessor Alois Ferscha, der die internationale Konferenz für Pervasive Computing (18. bis 19. 4. in Linz, 20. bis 23. 4. in Wien), organisiert. Immerhin könnten die Forscher nun dank Unterstützung des Infrastrukturministeriums auch in der Wiener Hofburg über Computersysteme, die das menschliche Tun durchdringen, diskutieren. Ansonsten sei man hauptsächlich vom guten Willen von Wirtschaftspartnern abhängig gewesen.

Anerkennung gefunden

Kein Forscher komme wegen der Schönheit des Landes zu einer Tagung nach Österreich. "Sondern weil sich hier eine Szene entwickelt hat, die in der Wisssenschaftscommunity Anerkennung findet", so Ferscha. Würde man das bei Kongressen forcieren und nicht nur den touristischen Aspekt sehen, meint Tscheligi, könnte man sich auch als Standort besser präsentieren. Und somit unter Umständen große internationale Unternehmen anlocken, sich hier niederzulassen, weil ja doch auch "inhaltsmäßig" einiges geboten werde.

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