Mehr Emotionen, weniger Funktionen

26. April 2004, 11:58
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Technologie gehört in den Hintergrund, der Benutzer in das Zentrum, meint Tim Brown, Chef der US-Design-Agentur Ideo, im Gespräch mit Elke Ziegler. Seine Überlegungen wird er am kommenden Wochenende in Wien auf der Usability-Konferenz CHI 2004 präsentieren

STANDARD: Wie hat die rasante technologische Entwicklung in den letzten Jahren das Design beeinflusst?

Brown: Design formuliert Antworten auf technologische Entwicklungen, insofern ist die gegenseitige Beeinflussung naturgegeben. Designer mussten durch die Entstehung und Verbreitung von Netzwerktechnologien - sei es das Internet oder die Mobiltelefonie - lernen, in Systemen zu denken. Früher arbeiteten wir meistens an einem einzelnen, isolierten Objekt. Heute sind nicht nur die Produkte, die wir gestalten, miteinander verbunden, sondern auch die User. Es entstehen hochgradig vernetzte Nutzungssituationen, die wir schon bei der Gestaltung von Geräten mitdenken müssen.

STANDARD: Was waren die größten Designfehler im Umgang mit den neuen Medien?

Brown: Der größte Fehler, den Design begehen kann, ist, den Fokus auf die Technologie und nicht auf den Menschen zu richten. Erfolgreiches Design konzentriert sich auf die Bedürfnisse der Benutzer und setzt Technologie nur zu ihrer Befriedigung ein. Wenn Design nur darüber nachdenkt, wie man Technologie attraktiv machen kann, verfehlt es seinen Zweck. Beispielsweise sind manche Mobiltelefone durch so viele Features überladen, dass ein Durchschnittsbenutzer gar nicht mehr alle kennen kann. Oder denken Sie an Stereoanlagen: Die teuersten Geräte sind jene mit den wenigsten Spielereien. Die Hersteller haben es geschafft, das Angebot auf das Wichtige zu beschränken und diese Features in hoher Qualität anzubieten.

STANDARD: Hat sich in den letzten Jahren die Rollenverteilung zwischen dem technischen Entwickler und dem Designer verändert? Früher war es üblich, dass der Techniker ein Produkt definierte und der Designer es dann ein bisschen "hübscher" machen durfte.

Brown: Das hat sich stark verändert. Wenn sich Technologie sehr schnell weiterentwickelt, gibt es meistens diese klassische Rollenverteilung: Die Techniker entwickeln und die Designer versuchen, die Innovationen an den Menschen anzupassen. Aber sobald sich die Geschwindigkeit verringert, gehen die Designer der Technologie auf den Grund und denken über die Funktionalitäten noch einmal nach. Bei Computern hat diese Entschleunigung schon eingesetzt.

STANDARD: Wie werden neue Materialien, die etwa in den Nanotechnologien entstehen, das Design beeinflussen?

Brown: Momentan bricht sicherlich ein neues, sehr interessantes Zeitalter an. Wir werden in den nächsten Jahren eine Explosion an neuen Materialien sehen. Aber wahrscheinlich wird auch hier wieder derselbe Prozess ablaufen: Zu Beginn werden wir erst herausfinden müssen, wie wir mit den neuen Materialien richtig umgehen, um dann die sinnvollsten Einsatzformen zu finden. Bei Ideo haben wir jedenfalls eigene Materialwissenschafter, die uns helfen, neue Stoffe zu finden und mit ihnen umzugehen.

STANDARD: Wie wichtig ist für Ideo generell die Zusammenarbeit mit Wissenschaftern?

Brown: Viele unserer Mitarbeiter haben eine akademische Ausbildung. Bei uns arbeiten Materialwissenschafter, Software-Ingenieure, Maschinenbauer, Elektrotechniker, aber auch Psychologen oder Anthropologen. Wir brauchen ein gut fundiertes Basiswissen, um kreativ sein und die vorhandenen technologischen Möglichkeiten ausnutzen zu können. Darüber hinaus kooperieren wir immer wieder mit wissenschaftlichen Einrichtungen und Forschungsabteilungen von Unternehmen.

STANDARD: Wie werden bei Ideo Produkte auf ihre Usability überprüft?

Brown: Wir bauen so schnell wie möglich Prototypen und stellen sie Menschen zur Verfügung, die sie in ihrer realen Umgebung testen sollen. Wenn wir beispielsweise ein neues Feature für Mobiltelefone designen, speisen wir das Service in das Netzwerk ein und machen so ein Live-Testing. Wir glauben nicht an extra erstellte Testumgebungen. Im realen Leben bekommt man viel authentischere Ergebnisse. Außerdem denke ich, dass das klassische Usability-Konzept, das sich nur darauf konzentriert, ob die Benutzer mit einem Gerät zurecht kommen, veraltet ist. Wir müssen uns viel mehr um die Emotionen als um die reine Funktionalität kümmern.

STANDARD: Wie werden Hightechgeräte in zehn Jahren aussehen?

Brown: Einerseits denke ich, dass Objekte in ihrer Form, wie wir sie heute kennen, verschwinden werden. Technologie wird nicht mehr so sichtbar sein. Vielleicht wird es intelligente Softwaresysteme geben, die sich automatisch auf die Stimmung des Benutzers einstellen. Andererseits werden neue Werkzeuge zur Zusammenarbeit entstehen, die derzeit an der fehlenden Bandbreite scheitern. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 4. 2004)

Die CHI 2004, die "Conference On Human Factors In Computing Systems", findet vom 24. bis 29. 4. statt.
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