Entertainment-Zentrale im Wohnzimmer

26. April 2004, 11:58
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Grazer Forschungsprojekt testet das interaktive Fernsehen der Zukunft

Im Mai soll es offiziell losgehen: In 150 nach demoskopischen Gesichtspunkten ausgewählten Grazer Haushalten wird dann über einen Digital Decoder testweise Digital-TV via Zimmerantenne empfangbar sein. Neu oder einzigartig ist das allein nicht. Schließlich wird in Berlin terrestrisches Fernsehen seit August ausschließlich digital ausgestrahlt. Dennoch investierten die Rundfunk und Telekom Regulierung GmbH RTR, Siemens, Telekom Austria, der ORF und das Land Steiermark insgesamt neun Millionen Euro in das Forschungsprojekt.

"In Berlin gibt es für die Zuschauer keinerlei Möglichkeit zur Interaktion", rechtfertigt Alfred Grinschgl von der RTR die Investition. "Wir wollen herausbekommen, wie derartige Dienste überhaupt angenommen werden." Die vier in Graz digital ausgestrahlten TV-Programme werden deshalb mit digitalen Zusatzdiensten auffrisiert: Zu den Psychologie-Sprechstunden von ATV+ etwa lassen sich Informationen über Selbsthilfegruppen abrufen, später soll ein komplettes elektronisches Fernsehprogramm und ein zeitgemäßer Teletext folgen.

Der Unterschied

Augenfälligster Unterschied bei den Geräten in den Testhaushalten: Eine MHP (Wissen) taugliche Set-Top-Box macht herkömmliche Analog-Fernseher zum Digital-TV. Und anstatt den Receiver an eine Dachantenne anstöpseln zu müssen, reicht eine kleine Zimmerantenne für ein gestochen scharfes Bild. Ähnliche Antennen ermöglichen sogar Fernsehen in Autos oder öffentlichen Verkehrsmitteln.

Wie die Testpersonen mit der neuartigen Fernsehmöglichkeit umgehen, wie sie es nützen, will das Grazer Forschungszentrum Evolaris analysieren. Dessen Geschäftsführer Otto Petrovic glaubt, dass sich aufgrund der neuen, auf der Fachmesse Cebit vorgestellten Technologien letztlich das Fernsehverhalten vollkommen ändern könnte. Durch die Möglichkeit, das Programm via Personal Video Recorder in der Set-Top-Box selbst zusammen zu stellen, werde man sich von der Passivität beim Fernsehen möglicherweise verabschieden. "Das Lean-back-Medium wir ein Lean-forward-Medium." Von einer Homeentertainment-Zentrale im Wohnzimmer könnte man die Aufzeichnungen aber auch auf einen Bildschirm im Schlafzimmer übertragen. Jede Vernetzung sei denkbar. Auch Petrovic glaubt, dass sich hier Tauschbörsen im Internet entwickeln könnten. Der Zuschauer würde sich jedenfalls aktiver um "sein" persönliches Programm bemühen. (strau, pi/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 4. 2004)

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