Im Netz des totalen Fernsehens

26. April 2004, 11:58
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Was auf den ersten Blick nicht zusammengehört, wächst derzeit zusammen: Internet und Fernsehen

Bereits seit fünf Jahren prophezeien Fernsehender und Marktanalysten die Entstehung einer völlig neuen TV-Kultur: Die vollständige Digitalisierung des Mediums soll Konsumenten neue Freiheiten bringen. Die aktuelle Entwicklung zeigt, dass die schon lange angesagte Revolution im Wohnzimmer nun tatsächlich stattfinden könnte. Absehbar ist, dass zusammenwächst, was auf den ersten Blick nicht wirklich zusammengehört: Internet und Fernsehen, Videospiele, PCs und HiFi-Anlagen sollen in Zukunft nahtloser als bisher verknüpfbar werden. Inhalte wie Filme oder Musik könnten beliebig ausgetauscht werden. Jeder Seher wird zum Programmdirektor, der sich seine Lieblingssendungen aus dem digitalen Datenstrom fischt und konsumiert, wann es beliebt.

Die Bits und Bytes strömen dabei je nach Bedarf via Breitband-Internet, Kabel-TV, Digital-Satellit oder terrestrischem Digital-TV ins Wohnzimmer. Sortiert und präsentiert werden die Daten von einer neuen Generation von Set-Top-Boxen die zum Medienknotenpunkt unterm TV werden sollen. Sie empfangen und speichern TV-, Radio und Internet-Programme, über sie können die Benutzer auch selbst Daten ins Web stellen. Ein so genannter MHP (Multimedia Home Plattform)-Standard (Wissen) soll sicherstellen, dass High-End-Geräte, die heute um bis zu 1000 Euro zu haben sind, auch mit neuen TV-Apparaten und Sendenormen kompatibel sein werden.

Viele dieser Set-Top-Boxen sind gleichzeitig auch so genannte Personal Video Recorder. Die unterscheiden sich von herkömmlichen Videorecordern auf den ersten Blick nur dadurch, dass sie Sendungen nicht auf Kassetten, sondern auf bis zu 120 Gigabyte fassende Festplatten speichern, wie sie in PCs zum Einsatz kommen. Der Vorteil liegt in der Flexibilität. Einige dieser Geräte können zwei Kanäle aufzeichnen und gleichzeitig eine Sendung von der Festplatte abspielen. Wer während eines Filmes eine dringende Erledigung hat, drückt einfach die Pause-Taste. Sobald der Zuschauer wieder vor dem Fernseher sitzt, kann das Programm weiter laufen. Jetzt kommt es allerdings nicht vom Sender, sondern von der Festplatte auf den Schirm. Andere Recorder brennen TV-Programme oder Streaming Video aus dem Internet auf DVDs und Radioprogramme auf CDs. Und: Dank des digitalisierten Programmheftes EPG (Electronic Programme Guide) können die Dinger jetzt tatsächlich einfach programmiert werden. Selbst die Aufzeichnung ganzer Serien kann mit einem Knopfdruck in Auftrag gegeben werden.

Einige Apparate verfügen darüber hinaus über eine Art Kurzzeitgedächtnis, das automatisch die jeweils vergangenen 60 TV-Minuten im Speicher behält. Deses Feature bekam die beste PR im Jänner dieses Jahres während einer Showeinlage beim Finale der US-Football-Liga. Tausende PVR-Besitzer haben da unverhofft jenen historischen Moment festgehalten, in dem das Kostümoberteil von Janet Jackson platzte. Kurz darauf kursierten die ersten Kopien des in den USA als spektakulär eingestuften Zwischenfalls in Internet-Foren. "Nipplegate" und seine Nachwehen im Internet mögen einen Vorgeschmack auf zukünftig Entwicklungen des Fernsehens geben, an dessen Ende eine regelrechte Napsterisierung stehen könnte: Wenn jeder jedes beliebige Programm digital speichern kann, ist es bis zum Austausch von Filmdateien über das Internet nicht weit.

Chaos mit Copyright

Das daraus resultierende Copyright-Chaos ist absehbar. Spätestens wenn Microsoft das neue Betriebssystem Longhorn im nächsten Jahr auf den Markt bringt, soll der Möglichkeit, Raubkopien zu ziehen, aber ein Riegel vorgeschoben werden. Der PC wird dann, vereinfach gesprochen, zweigeteilt: In einen absolut sicheren Bereich, der aber nicht nur vor Viren schützen soll, sondern auch den Download von nicht freigegebenen TV-Bildern verhindert. Und in einen "unsicheren" Bereich, in dem man aber nicht auf relevante Funktionen des Betriebssystems zugreifen - und damit auch keinerlei Filme downloaden kann.

Die Verknüpfung von Recorder und Internet ist letztlich auch ein neues Hoffnungsgebiet für die Werbewirtschaft. Ein neuer interaktiver Kanal wäre offen, den sie dann in Zukunft auch für persönlich zugeschnittene Werbebotschaften an den Zuschauer nützen könnte. Aber auch in der Gegenwart zeigt man sich erfinderisch: Die Werbeblöcke im Fernsehen können dank PVR ja übersprungen werden. Um den neuen Austin-Powers-Film trotzdem zu bewerben, entwickelten sie ein interaktives Angebot bei dem Zuschauer zwischen Starinterviews, dem Kinotrailer und einem Videoclip aus dem Soundtrack wählen konnten. Das Angebot zur Selbstberieselung wurde begeistert angenommen, durchschnittlich sechs Minuten lang setzten sich die Seher diesem Material aus. (Günther Strauss, Peter Illetschko/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 4. 2004)

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