Bürgerproteste: "Minister Strasser hat uns alle überrollt"

26. April 2004, 17:41
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Konflikte rund um das Asyl-Erstaufnahmezentrum Thalham - Ab dem 1. Mai wird alles anders

Angst und Unsicherheit beherrschen derzeit den Alltag des 4000-Seelen-Ortes St. Georgen im oberösterreichischen Attergau. Der Grund für die explosive Stimmung ist die vom Innenministerium beschlossene Adaptierung der bereits bestehenden Betreuungsstelle für Flüchtlinge im Stadteil Thalham als eine der drei Erstaufnahmezentren (siehe "Wissen") in Österreich.

Mit dem rund einen Kilometer entfernten "Lager Thalham" hat der Ort über Jahrzehnte mehr schlecht als recht leben gelernt. "Die fladern mir fast täglich was", schimpft die Besitzerin eines kleinen Geschäftes und fügt im selben Atemzug "bis wieda amoi wer wen umbringt" hinzu - eine Anspielung auf einen Doppelmord, den ein Flüchtling 1990 begangen hat und über den heute noch erzählt wird, als sei er erst gestern geschehen.

Begrenzte Aufnahme

Bis 1. Mai müssen alle 200 bisher in Thalham wohnhaften Flüchtlinge ihr Quartier verlassen haben. In Zukunft werden in dem "Lager" neu hinzukommende Asylwerber für maximal zwanzig Tage leben. Binnen dieser Frist soll laut neuem Asylgesetz über die Zulässigkeit von Asylanträgen entschieden werden.

"Die Situation wird in St. Georgen eindeutig besser werden, da die Flüchtlinge nur mehr begrenzt bleiben", ist Bürgermeister Wilhelm Auzinger (VP) im Gespräch mit dem STANDARD überzeugt. Die von der Bürgerinitiative "St. Georgen, ein zweites Traiskirchen?" gesammelten und Nationalratspräsidenten Andreas Khol überreichten 3260 Protest-Unterschriften sieht Auzinger als "Panikmache der FPÖ-Fraktion".

"Es geht weder um Parteipolitik noch um Ausländerfeindlichkeit. Die Bürger von St. Georgen fühlen sich einfach im Stich gelassen", kontert Alfred Kiefer als einer der Initiatoren der Bürgerliste. "Keiner garantiert uns, dass nicht auf einmal mehr als die angekündigten 200 Flüchtlinge zu uns kommen. Traiskirchen hat man Ähnliches versprochen, man sieht, was daraus geworden ist", so Kiefer. Vonseiten des Innenministeriums hieß es auf Anfrage, die Insassenzahl werde sicher nicht steigen, konkrete gesetzliche Regelungen oder Verordnungen für Höchstbelegzahlen gebe es aber nicht.

Die Bevölkerung schwankt derweil zwischen Unsicherheit, Furcht und Resignation: "Meine Kinder trauen sich jetzt schon nicht mehr allein hinaus. Der Minister Strasser hat uns alle überrollt, und der Bürgermeister hat dabei mitgespielt. Jetzt stehen wir mit unseren Sorgen völlig alleine da", klagt eine Mutter. (DER STANDARD, Printausgabe 19.4.2004)

Von Markus Rohrhofer
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