Von der großen Not mit den Quartieren

26. April 2004, 17:41
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Länder müssen bis Mai Quartiere finden - Anrainer versuchen neue Lager zu verhindern - mit Infografik

Noch ist nicht abzusehen, ob die Länder bis Mai genug Quartiere für Asylwerber finden. Die derzeit Obdachlosen sind verzweifelt, auf der anderen Seite versuchen Anrainer neue Lager zu verhindern.

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Freitagmittag, fünf nach zwölf. Vor dem Innenministerium steht ein grüner Polizeibus: "Es ist alles schon vorbei", behauptet ein Herr vom Verfassungsschutz - doch die Asylwerber sind noch da.

Im Bus sitzen sie jetzt, in ihren verstaubten Kleidern, mit ihren zerrissenen Taschen. Dreißig Tschetschenen - Frauen, Männer und Kinder -, die keine Ahnung haben, wo sie die kommende Nacht verbringen sollen. Die Freitagfrüh wegen Platzmagels aus dem Flüchtlingslager in Traiskirchen geworfen worden sind und auch bei der Caritas keinen Unterkunft bekamen. Die sich deshalb zum Sitzstreik auf dem Gehsteig in der Wiener Herrengasse niedergelassen haben: die erste Protestaktion obdachloser Asylwerber in Wien, seit vor Ostern die Unterbringungskrise wieder aufgeflammt ist.

Eine Frau reicht Fotos aus dem Bus. Es sind Polaroidaufnahmen aus dem zerstörten Grosny. Sie holt ein Mädchen an die Tür: Hinter ihrem Ohr leuchtet eine lange weiße Narbe. Wer wie diese Menschen der militärischen Repression in Tschetschenien entkommen ist, fürchtet das Vorgehen der österreichischen Behörden kaum, meint Michael Genner von der Flüchtlingshilfsorganistion "Asyl in Not".

Dieser Flüchtling - so Genner - ist bereit, sich für ein Dach über dem Kopf auf das Pflaster zu setzen. Mit - zumindest vorübergehendem - Erfolg: Der Busfahrt ins Bundesasylamt folgte die Aufnahme der Tschetschenen in einer Notschlafstelle des Bundes.

Ab dem ersten Mai sind die Länder am Zug

Im Grunde jedoch, betont Michaela Huber aus dem Büro von Innenminister Ernst Strasser (ÖVP), seien derzeit alle Bundesbetreuungsstellen überfüllt, Und was noch viel "kniffliger" sei: Zwölf Tage vor dem 1. Mai, ab dem - neben gesetzlichen Änderungen (siehe "Wissen") - die Länder und nicht mehr wie bisher der Bund für die Flüchtlingsunterbringung verantwortlich sind, habe "außer Wien und Niederösterreich noch kein Bundesland neue Unterbringungsplätze angeboten. Wir müssen also einfach davon ausgehen, dass es dann genug Zusatzquartiere geben wird."

Keine guten Aussichten also auch für Samuel O. (Name geändert) aus Nigeria. Wie erschlagen sitzt der junge Mann im Kellerbüro der ehrenamtlichen Wiener Flüchtlingshelferin Ute Bock. Zwei Stunden davor hat er erfahren, dass er seine Matratze im Keller der Caritas-Notaufnahmestelle räumen muss.

"Systematische Verwahrlosung"

Eine Caritas-Mitarbeiterin hatte bei der Flüchtlingshelferin angerufen. Endgültig auf die Straße schicken - in die, wie Bock es nennt, "systematische Verwahrlosung" zwischen Westbahnhof und Drogenszene - wollte man den Burschen nicht. "Warum", fragte O, der angibt, erst sechzehn zu sein, was die Behörden aber bezweifelten, "lässt man mich nicht einfach in ein anderes Land ausreisen, wenn es in Österreich kein Dach über dem Kopf für mich gibt?"

Einfach keine Kapazitäten mehr

Seine Fingerabdrücke nämlich, ja, die habe man genommen. Und jetzt diese Odyssee: Asylantrag am 1. März, kein Platz in der Bundesbetreuung, Aufnahme im Caritas-Notquartier, Übersiedlung in die eine, dann in die nächste Pfarre, Rückkehr zur Caritas, angekündigte Entlassung . . . "Wir versuchen alles, um die Menschen auch nur vorübergehend in unseren Heimen unterzubringen. Aber wir haben einfach keine Kapazitäten mehr", erklärt die Leiterin der Ausländerhilfe der Caritas in Wien, Tanja Kraushofer.

Am Ende des Tages gelingt es Bock, O. in einer ihrer spendenfinanzierten Wohnungen unterzubringen. Für die erfahrene Flüchtlingshelferin liegt die Wurzel des derzeit so akuten Problems in "jahrzehntelangen Versäumnissen der Politik". Den Menschen sei "eingeredet worden, dass man Ausländer fürchten muss".

Traiskirchen bei Nacht

Also würden Asylwerber fast überall abgelehnt - und im größten heimischen Flüchtlingslager Traiskirchen müssten derzeit mehr als 1600 Flüchtlinge zusammengepfercht leben. Tatsächlich sind die Zustände dort nicht angetan, die Ablehnungsfront zu brechen, wie ein Lokalaugenschein in der Nacht auf Freitag zeigte: überquellende Müllkübel auf den Gängen, beißender Gestank zu vieler Körper auf zu engem Raum in den Stockbettzimmern und draußen, im Freien, Gestalten, die im Halbdunkeln vorüberhuschen. (DER STANDARD, Printausgabe 19.4.2004)

Von Irene Brickner
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    In Traiskirchen gibt es keinen Platz mehr - auch die anderen Bundesbetreuungsstellen sind überfüllt. Ab dem ersten Mai sind ohnehin die Länder für die Flüchtlingsunterbringung verantwortlich.

  • Asylanträge steigen
    grafik: der standard

    Asylanträge steigen

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