Somnambule Tänze im Gehirngebäude

18. April 2004, 19:47
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US-Choreografin Meg Stuart kommentiert ihr grandioses Traumspiel "Visitors Only" im Tanzquartier

Wien - Das Haus im Bühnenkasten sieht aus, als hätte es soeben eine Bruchlandung hingelegt. Die Vorderfront ist weggesprengt. Elektronische Sounds scheinen das Echo des Aufschlags wie in einer Wiederholungsschleife zu reproduzieren. Giftig grünes Licht wabert im Theater. Im Verdämmern mutieren die Echos zu Bassgeigenklängen. Hauswände und Böden sind wie mit Kettensägen aufgeschlitzt.

Aus dem Dämmer tauchen vage Gestalten auf, vibrierend, zitternd, wie von einer unsichtbaren Kraft geschüttelt und auf die Räume verteilt. In ihrem Stück Visitors Only hat die brillante US-Choreografin Meg Stuart seltsame Gestalten in ein von Anna Viebrock meisterhaft zurechtramponiertes Gebäude verbannt, das sie bis zum Ende nicht verlassen dürfen. "Es steckt voller Erinnerungen", so Stuart, "wirkt einmal wie ein Gehirn oder wie ein Puppenhaus, angefüllt mit Fiktionen, Beziehungs- und Identitätskonstruktionen. Die Körper kommen in Figuren an, die nicht unbedingt Figuren ihrer Wahl sind. Insofern ist das auch eine Metapher für das Theater."

Visitors Only ist eine Arbeit über Gedächtnisse, Träume und Transformationen. "Die Figuren beginnen sich zu häuten, brechen aus ihren Grenzen und verschieben sich. Ihre Körper werden zu Empfängern und Containern, die Zeit wird gedehnt, Halluzinationen treten auf." Und gespenstische Spiegelungen. Videobilder geistern über die verletzten Wände. Seltsame Charaktere lassen weitere aus sich schlüpfen - "in einem unendlichen Labyrinth, das sich und sie verwandelt".

In dieser ihrer dritten großen Produktion als "Choreographer in residence" im Zürcher Schauspielhaus zerbricht Meg Stuart das Individuelle des Menschseins und löst es in Projektionsflächen auf. Aus Marionetten werden zombiehafte Wesen. Unter ihren oft skurril anmutenden Außenhüllen schwanken, staksen, kriechen, tanzen somnambule Körper. Texte von Tim Etchells flattern von ihren Lippen, vermischen sich mit scheinbar ziellosem Tun.

Körper. Collagen.

Das Motiv des Hauses zieht sich durch jüngere Werk der 1965 in New Orleans geborenen Choreografin, beginnend bei der mehrteiligen Arbeit Highway 101 und fortgesetzt in Chris Kondeks Videoprojektionen bei alibi (beide Werke waren in Wien zu sehen). "Es gibt Verbindungen zu Lewis Carrolls Alice im Wunderland", sagt Stuart, "und zu Gordon Matta-Clark, der Körperaktionen in Abbruchhäusern fotografierte und zu Collagen verarbeitete."

Unlängst hat die Choreografin begonnen, mit Hypnose zu arbeiten. "Das hat mit meiner Obsession zu tun, ohne Körper zu tanzen, außerkörperliche Erfahrungen zu machen und wieder in den Körper zurückzukehren - zu den Erinnerungen und in einen veränderten Körper. Wir haben auch mit Ritualen, mit Trance-und fieberhaften Zuständen experimentiert."

Ihr jüngstes Stück wird ihre letzte Arbeit am Zürcher Schauspielhaus sein. "Der Titel klingt nach einem Woody-Allen-Film", lacht Stuart: "Forgeries, Love and Other Matters." Es ist ein Duett mit dem begnadeten kanadischen Choreografen und Tänzer Benoît Lachambre in einer Landschaft aus Kunstfell und Salz. "Die Figuren sind, wenn man an Visitors Only denkt, sozusagen aus dem Haus ausgebrochen und werden weiteren Verwandlungen unterzogen, Lachambre zum Beispiel mutiert zu einem Wolf . . ."

Auf die Frage nach einem Resümee ihrer vier Jahre in Zürich sagt Stuart spontan und durchaus selbstironisch: "Ich fürchte mich nicht mehr vor der Bühne, das ist sicher!" Ab Herbst dieses Jahres wird sie in Berlin leben und an der Volksbühne choreografieren: "Ich werde nicht direkt mit Frank Castorf zusammenarbeiten. Es scheint so, dass ich mein eigenes Studio haben werde." (Helmut Ploebst/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 4. 2004)

"Visitors only" - am 20. und 21. 4. um 20.30 Uhr im Tanzquartier Wien

Kartenreservierung: Tel. (01) 581 35 91
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