Verwirrung im Heiligen Land

18. April 2004, 19:26
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Giuseppe Verdis "Jérusalem" wieder an der Staatsoper

Wien - Diverse Inszenatoren auf der Bühne der Weltpolitik haben die altgediente lateinische Redewendung "ex oriente lux" (das Licht kommt aus dem Osten) schon sehr gründlich zur Lach- oder, genauer, Weinnummer gemacht. Um diese ad absurdum zu führen, hätte es der nahöstlichen Finsternis, wie sie seit Freitag an der Staatsoper herrscht, erst gar nicht bedurft.

Dort figuriert Giuseppe Verdis Jérusalem, musikalisch neu einstudiert, wieder auf dem Repertoire. Da Robert Carsens Inszenierung aus dem Jahr 1995 stammt, bleibt die krause Kreuzfahrerstory, zu der Verdi seine Lombardi unter dem neuen Titel Jérusalem für die Pariser Oper ausgewalzt hatte, von diversen aus der traurigen Gegenwart inspirierten Aktualisierungen glücklicher Weise verschont. Außerdem würde man sie im von Ausstatter Michael Levine präferierten Dunkel ohnedies nicht wahrnehmen.

So fahren in dieser Aufführung jene am besten, die das szenische Getümmel aus ihrem Beobachtungsspektrum ausklammern und sich auf die Musik und die von Großmäzen Alberto Vilar in seinen besseren Tagen gestiftete Laufschrift des aus dem französischen Original übersetzten Textes konzentrieren.

Reynald Giovaninetti sorgt vom Pult aus für eine insgesamt akkurate, überwiegend stimmige Realisierung, von der man sich im teilweise lähmenden, mehr als dreistündigen Ablauf mitunter etwas mehr Feuer gewünscht hätte. Dafür lag die Stärke dieser Aufführung im friktionsfreiem Zusammenspiel zwischen Solisten, den von Ernst Dunshirn einstudierten Chören und den Solisten.

Vor allem die Betreuung der Letzteren verlangte vom Dirigenten viel Sensibilität. Galt es doch darauf zu achten, dass das wenn auch solide Ensemble gegenüber Eliane Coelho und Ferruccio Furlanetto nicht zu allzu krass abfällt.

Vor allem Eliane Coelho hat als Hélène, die Tochter eines Grafen, der ausgerechnet den Vater ihres Geliebten ermordet hat, fast den ganzen Abend lang zu singen. Die dramatische Intensität, mit der sie dies tut, lässt immer noch Raum für lyrische Innigkeit, sodass die psychische Befindlichkeit trotz Szenendunkels fühlbar wird.

Mit ihr kann freilich nur Ferruccio Furlanetto mithalten. Er versieht Hélènes lüsternen Onkel Roger mit allen Facetten seines dunklen Baritons. Achtbar, aber nicht eben überwältigend und der orchestralen Fürsorge bedürftig, mühen sich die Übrigen durch das unwirtliche Heilige Land: So etwa Keith Ikaia-Purdy als Hélènes tenoral mitunter ziemlich angestrengter Erwählter, Eijiro Kai als deren Papa und Wolfgang Bankl als Emir, in dessen Gefangenschaft die beiden geraten.

Kein Wunder, dass das Publikum seinen Beifall merkbar auf Eliane Coelho und Ferruccio Furlanetto konzentrierte. (Peter Vujica/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 4. 2004)

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