Kopf des Tages: Ivan Gasparovic und die Gunst der Stunde

23. April 2004, 14:46
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Finale Rache an Meciar - 63-Jähriger will statt Nationalismus eine Politik mit nationalen Akzenten vertreten

Wer vor zwei Jahren vorausgesagt hätte, dass dieser Mann Staatspräsident der Slowakei werden würde, wäre milde belächelt worden. Damals kehrte Ivan Gasparovic seinem Mentor Vladimír Meciar den Rücken, trat aus der Bewegung für eine Demokratische Slowakei (HZDS) aus und gründete seine eigene Partei.

Nicht dass er mit dem autoritären und unberechenbaren mehrfachen Expremier politisch nicht mehr übereinstimmte. Zehn Jahre lang hatte er dem Chef treu gedient und widerspruchslos dessen nationalpopulistischen Kurs mitgetragen, der die Slowakei ins europäische Abseits manövrierte. Aber Meciar lohnte es ihm schlecht. Gasparovic wurde 2002 nicht mehr auf die Wahlliste der HZDS gesetzt.

Mit seiner Neugründung verfehlte Gasparovic zwar den Einzug ins Parlament - aber jetzt hat ihm die Gunst der Stunde zur finalen Rache verholfen: Rechtzeitig versicherte er sich der Unterstützung der größten Oppositionspartei, der linkspopulistischen "Smer" ("Richtung"); die Zerstrittenheit der Mitte-rechts-Koalition, die sich nicht auf einen gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten einigen konnte, brachte Gasparovic in die Stichwahl; und mithilfe vieler Bürgerlicher, bei denen die Horrorvorstellung eines Präsidenten Meciar stärker wirkte als der Boykottaufruf der Regierung, schaffte er jetzt den Sieg.

Der 63-jährige Sieger gibt sich abgeklärt und will statt Nationalismus eine Politik mit nationalen Akzenten vertreten. Und er wird sich wohl um Respektabilität in der EU bemühen, der das Land demnächst angehört. Offen bleibt, in welcher Form der neue Präsident seine Dankesschuld gegenüber Oppositionsführer Róbert Fico begleicht.

Ein Gespür für das jeweils Opportune kennzeichnet die Karriere des Ivan Gasparovic (er ist verheiratet und Vater zweier Kinder). Nach Abschluss des Jus-Studiums war der Lehrersohn zunächst Staatsanwalt in Bratislava (Preßburg), dann Dozent für Strafrecht an der Comenius-Universität. Nach der tschechoslowakischen "Samtrevolution" ernannte Staatspräsident Václav Havel ihn 1990 zum Generalstaatsanwalt der CSFR. Knapp zwei Jahre später wurde er, wiederum von Havel, aus dem Amt entlassen. Gasparovic bremse die Verfolgung von Straftaten unter dem kommunistischen Regime, lautete der Hauptvorwurf.

"Aus Trotz", wie er sagt, ging Gasparovic in die Politik und schloss sich der populären Bewegung Meciars an. Der Lohn ließ nicht lange auf sich warten: Eine Woche nach seinem Beitritt zur HZDS Mitte Juli 1992 war Gasparovic schon slowakischer Parlamentspräsident. Das blieb er bis zur Abwahl der Regierung Meciar im Herbst 1998. Für sein Comeback brauchte er nur Geduld - und das Glück dessen, der den richtigen Zeitpunkt erwischt. (DER STANDARD, Printausgabe 19.4.2004)

Von Josef Kirchengast
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    Ex-Parlamentspräsident Ivan Gasparovic ist neuer Staatschef der Slowakei.

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