Der dritte Prozess um den "Haban-Mord"

19. April 2004, 10:41
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Zwei Prozesse gegen einen der angeblichen Täter endeten zuerst mit einer Verurteilung, dann mit dem Freispruch - Die heimische Justiz glaubt trotzdem an seine Schuld

Der Mord an einem Wiener Juwelier kommt ab Montag zum dritten Mal vor Gericht. Zwei Prozesse gegen einen der angeblichen Täter in Italien endeten zuerst mit einer Verurteilung, dann aber mit dem Freispruch. Die heimische Justiz glaubt aber trotzdem an seine Schuld.

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Vor knapp sechs Jahren wurde Siegfried G. an seinem Arbeitsplatz ermordet. Am 9. Mai 1998 stürmten Unbekannte in der Wiener Innenstadt das Juweliergeschäft Haban und schossen dem 43-jährigen Geschäftsführer aus kurzer Distanz in den Kopf. Ab Montag steht einer der angeblichen Täter in der Bundeshauptstadt vor Gericht. Keine neue Erfahrung für den 31-jährigen Italiener: In seinem Heimatland wurde er wegen der Tat zunächst verurteilt, schließlich aber rechtskräftig freigesprochen.

Die heimische Staatsanwaltschaft ist sich aber sicher, mit Massimiliano F. einen der drei Täter zu haben. Diese Sicherheit beruht auf mehreren Faktoren. Einerseits auf einem Kronzeugen, dem der Mord von den Tätern angeblich geschildert worden ist. Und auf DNA-Spuren vom Schauplatz des Verbrechens, die mit jenen übereinstimmen, die auf einem Kleidungsstück sichergestellt wurden, das vor der Wohnung eines Verdächtigen in einem Mistkübel lag.

Freispruch nach Berufungsverhandlung

Richard Soyer, der Verteidiger des Italieners, hält es dagegen für rechtswidrig, dass seinem Mandanten überhaupt der Prozess gemacht wird. Denn Massimiliano F. wurde in seiner Heimat bereits rechtskräftig freigesprochen.

Zunächst war er jedoch im Dezember 2000 noch als Mittäter zu 16 Jahren Haft verurteilt worden. Bei der Berufungsverhandlung in Bologna glaubte das Gericht allerdings dem Kronzeugen der Anklage nicht mehr, Massimiliano F. wurde im Jahr 2002 freigesprochen.

Ein Urteil, das die österreichische Justiz nicht akzeptierte. Der Haftbefehl blieb aufrecht, im Vorjahr verhaftete ihn deshalb die deutsche Polizei in München und lieferte ihn nach Österreich aus. Der Protest seines Verteidigers fruchtete nichts: Sowohl der Oberste Gerichtshof als auch das Justizministeriums stellten sich hinter die Meinung der Staatsanwaltschaft, dass das heimische Verfahren nicht durch einen Prozess im Ausland berührt wird, wenn die Tat in Österreich vorbereitet und durchgeführt worden ist.

Neun Tage soll mindestens verhandelt werden

Mindestens neun Tage lang wird nun vor dem Landesgericht Wien verhandelt. Das Gericht wird dabei nicht alle Beteiligten des Mordes zu Gesicht bekommen. Eine Augenzeugin, die ursprünglich einen anderen Mann als Täter identifiziert hatte, wird nicht aussagen, da sie an einem posttraumatischen Stresssyndrom leidet. Noch nicht ganz sicher ist auch, ob der Kronzeuge kommt: Denn der soll mittlerweile aus der italienischen Haft entlassen worden sein, in der er wegen eines Überfalles war. (moe/DER STANDARD; Printausgabe, 19.4.2004)

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