Gerangel um Bundesbank-Nachfolge

19. April 2004, 16:25
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Rasche Entscheidung über Chefposten - Schröder-Vertrauter hat beste Chancen

Die deutsche Bundesregierung will in den nächsten Tagen einen Nachfolger für den zurückgetretenen Bundesbank-Chef Ernst Welteke bestimmen. "Es gibt noch keine Entscheidung", sagte ein Sprecher des Finanzministeriums am Sonntag in Berlin. Bereits in der Regierungssitzung am Mittwoch soll ein Beschluss gefällt werden.

Die besten Chancen werden dem derzeitigen Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Alfred Tacke, eingeräumt. Der 59-Jährige ist ein enger Vertrauter von Bundeskanzler Gerhard Schröder, den dieser aus Hannover nach Berlin mitgebracht hatte. Die Union, Finanzexperten und der Steuerzahlerbund bezweifeln, ob Tacke einen unabhängigen Kurs, für den die Bundesbank bisher immer stand, garantiere. Tacke ist auch kein Währungsfachmann.

Dubiose Hintergründe

Auch bei Finanzstaatssekretär Caio Koch-Weser, der vor seinem Wechsel nach Berlin bei der Weltbank arbeitete, wird die Unabhängigkeit von der Regierung angezweifelt. Ein Währungsfachmann ist dagegen der bisherige Bundesbank-Vize Jürgen Stark. Er ist aber ein CDU-Parteigänger, und seine Bestellung wird von den Unionsparteien gefordert.

Die Umstände, die am Freitagnachmittag zum Rücktritt des Bundesbank-Chefs geführt haben, bleiben dubios. Gegen Welteke, der sich öffentlich gegen Begehrlichkeiten des Finanzministeriums gewehrt hat, den Goldschatz der Bundesbank zugunsten der Schuldentilgung zu verkaufen, wurden Vorwürfe laut: Zuerst berichteten Medien, Welteke habe sich aus Anlass der Euroeinführung 2001/2002 von der Dresdner Bank zu einem mehrtägigen Hotelaufenthalt in Berlin samt Familie für mehr als 7700 Euro einladen lassen.

Am Freitag bekamen Medien eine Einladung Weltekes zum Formel-1-Rennen nach Monte Carlo durch BMW zugespielt. Ob diese Informationen aus dem Finanzministerium gestreut wurden, darüber muss Ressortchef Hans Eichel in einem Bundestagsausschuss Auskunft geben.(Alexandra Föderl-Schmid aus Berlin, Der Standard, Printausgabe, 19.04.2004)

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