"Hilfe, die Schnüffelchips kommen!"

25. April 2004, 15:26
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US-Verbraucherschützer fürchten Überwachung durch "Schnüffelchips"

"Hilfe, die Schnüffelchips kommen!" Das ist zumindest die Sorge amerikanischer Verbraucherschützer, die wegen einer neuen Technologie Alarm schlagen, die mit großem Enthusiasmus von Supermärkten und Warenhäusern erkundet wird. Die Hersteller und Anwender der so genannten Funketiketten sehen dagegen ungeahnte Chancen, Unternehmen und Verbrauchern das Leben schöner zu machen.

Kaum größer als ein Stecknadelkopf

Es geht um kleine Mikrochips, kaum größer als ein Stecknadelkopf, die in Hosensäumen, Schuhsohlen und Zahnpastatuben oder einem Paket Suppenwürfel untergebracht werden können. Darauf ist jeweils eine individuelle Kennung gespeichert, die ein Lesegerät auf gewisse Entfernung per Radiofrequenz automatisch abfragen kann. Bekannt sind die Chips als RFID-Etiketten (Radio Frequency Identification).

Irgendwann könnten sie die heute üblichen Strichcodes auf den Etiketten ersetzen. Wer aus dem Supermarkt kommt, fährt nur noch durch die Funkschranke, und automatisch werden alle Einkäufe registriert, addiert und auf die Kreditkarte gebucht.

"Es wird noch Jahre dauern, bis das passiert", sagt Jack Grasso von EPC Global, ein Verband RFID-interessierter Unternehmen mit mehr als 200 Mitgliedern weltweit. Die Firmen arbeiten aber mit Hochdruck daran. "Es laufen Feldversuche, und in diesem Herbst werden noch einige hinzukommen. Die Technologie wird den Warenfluss optimieren", schwärmt Grasso.

Automatische Registrierung

Statt wie bisher mit einem Scanner mühsam die Strichcodes auf jedem einzelnen Paket zu registrieren, kann ein Gabelstapler mit ganzen Paletten einfach an einem Lesegerät vorbeifahren und alles wird automatisch registriert. Damit würden Lagerhaltungs- und Vertriebskosten gesenkt. Zudem könnten Sachen ohne Kassenbon umgetauscht, gefälschte Markenartikel entlarvt werden.

Verbraucherschützer sehen dagegen einen Schritt in die Big- Brother-Gesellschaft. Mit seiner einmaligen Kennung kann etwa ein Schuh mit Funketikette nach dem Bezahlen mit Kreditkarte einem bestimmten Kunden zugeordnet werden. Wann immer der Schuhträger an einem Lesegerät vorbeigeht, ist er für alle, die wissen, wie die leicht zugänglichen Datenbanken einzusehen sind, zu identifizieren. An Flughäfen etwa, die an der Technologie interessiert sind. Oder bei Polizeikontrollen.

"Mein Alptraum ist..."

"Mein Albtraum ist ein Netz von Lesegeräten, das die Überwachung aller Menschen zu jedem Zeitpunkt möglich macht", sagt Beth Givens, die in San Diego ein Bündnis zum Schutz der Privatsphäre (Privacy Rights Clearinghouse) leitet. "Die Polizei kann Teilnehmer an einer Demonstration damit problemlos identifizieren." Katherine Albrecht, Doktorandin an der Harvard-Universität, hat eigens eine Aktionsgruppe gegen den Missbrauch der Technologie gegründet. "Kriminelle könnten mit einem Lesegerät erstmal ausspähen, was ein potenzielles Opfer so in der Tasche oder im Haus hat." Lesegeräte seien schon für ein paar 100 Euro zu haben und problemlos im Rucksack zu verstauen.

Auch die Überwachung von Verbrauchern für Marketingzwecke ist ihr ein Graus. Ihre Gruppe hat mehrere Feldversuche mit RFID aufgedeckt. In einem Supermarkt in Oklahoma waren Lippenstifte mit Etiketten ausgestattet, die eine versteckte Kamera in Gang setzten, wenn eine Kundin die Packung aus dem Regal nahm. Ein paar hundert Kilometer weiter sah die Marketingabteilung des Herstellers sich die arglosen Kundinnen genau an. Der Versuch wurde nach einem Protest der Aktionsgruppe gestoppt.

In Rheinbach machte der Metro-Konzern, der Kundenkarten mit RFID ausgestattet hatte, nach Boykottaufrufen und einer Demonstration einen Rückzieher. Es sei auf "emotionale Bedenken" Rücksicht genommen worden, hieß es. Verbraucherschützer fordern mindestens klare Aufdrucke auf allen Waren, die Funketiketten haben. Dafür sei auch die Industrie, sagt Grasso, nicht aber für eine langwierige Debatte über das Für und Wider der Chips. "Alles, was den Fortschritt behindert, ist zum Nachteil der Verbraucher", sagt Grasso.(dpa/red)

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