Nachrichten in aller Kürze
Alles zur Community
Nachrichten, die zu Ihnen kommen: Newsletter, Feeds und SMS
Alles zu unseren mobilen Angeboten: Apps, Mobilversion und SMS
Unsere Radio- und TV-Angebote
Die Zeitung im Internet: Abo, E-Paper, Anzeigen und mehr
Alles über die Redaktion von derStandard.at
Alles über Onlinewerbung, Stellenanzeigen und Immobilieninserate

Haruki Murakami:
Kafka am Strand
Roman.
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe,
€ 25,60/637 Seiten, DuMont, Köln 2004.
Nakata, ein geistig beschränkter und prophetisch begabter alter Mann aus Tokio, erkennt im Verlauf einer seltsamen Reise, dass er den "Eingangsstein" suchen muss. Kafka Tamura, ein fünfzehnjähriger Bursche aus Tokio, ist auf der Flucht von einem Zuhause, das er nie als solches erfahren hat, aber seine Flucht ist ebenfalls eine Suche, und außerdem macht er die Erfahrung, dass es etwas gibt, dem niemand entfliehen kann, nämlich sich selbst. In Shikoku, einer mittelgroßen, waldreichen japanischen Insel, nähern sich die Erzählstränge, ohne dass sie eigentlich verknüpft werden. Das ist ein Vorgang, der im Roman unzählige Male wiederholt wird: Parallelisierungen, Annäherungen, Verweise, Spiegelungen, Rückspiegelungen - und doch kommt es nie zu einer Identität. Auch Kafka Tamura findet nicht seine persönliche Identität, diese Aufgabe ist am Ende der Geschichte lediglich vertagt, vielleicht bleibt sie stets aufgegeben.
Vielleicht ist es hier einmal angebracht zu erklären, warum dieser Kafka Kafka heißt. Das ist natürlich, wie alles bei Murakami, beliebig: schöpferische Willkür, freies Spiel. Ein "Junge namens Krähe", der nur selten als Vogel erscheint, meistens aber als körperlose Stimme, kommentiert hier und da die Handlungen Kafka Tamuras. Im Roman wird gesagt, dass der tschechische Name Kafkas "Krähe" bedeute, was nicht ganz richtig ist und wahrscheinlich auf englische Übersetzungen zurückgeht, die Murakami gelesen haben wird. Kafka heißt "Dohle", ein schwarzer Vogel wie die Krähe (der Name beider Vögel ist im Japanischen sehr ähnlich). Franz Kafka spukt ein wenig durch Kafka am Strand, wie viele andere Gestalten, Mythen und Motive der abendländischen Literaturgeschichte. Aber dass Kafka Tamura in einem bestimmten Augenblick beschließt, sich Kafka zu nennen, entspringt nur seinem Belieben.
Aus dem abendländischen Kulturschatz hat Murakami auch das Material für die Grundidee seines Romans bezogen. Mit dem Ödipus-Mythos experimentiert er arabeskenreich erzählend anhand diverser Hypothesen. Auf Kafka Tamura liegt ein von seinem Vater ausgesprochener Fluch, und wie der Ödipus des Sophokles versucht er, seinem Schicksal zu entfliehen, verstrickt sich dabei aber nur noch mehr in dieses. Ein wesentlicher Unterschied zu Sophokles besteht darin, dass Kafka und sein Mentor namens Oshima dieses Thema bereits als Kulturgut diskutieren. In ihren Gesprächen geht es um den Glauben an die Determination und um die beschränkten Möglichkeiten verantwortungsvollen Handelns, aber der Glaube an sich ist längst verschwunden, die Hypothesen werden locker durchgespielt, die Verzweiflung angesichts des Tragischen wirkt wie eine Inszenierung.
Simulation von Glauben, ein Glaubensspiel
In anderem Zusammenhang zeigt der Autor, dass ihm auch die Problematik des Glaubens in heutiger Zeit sehr wohl bewusst ist; das hindert ihn nicht, Einstellungen des Glaubens in erzählerischer Absicht zu verwenden. 1946 trat der japanische Kaiser auf Betreiben der amerikanischen Besatzungsmacht von seinem quasigöttlichen Status zurück. Der Befehl lautete: "Hör auf, ein Gott zu sein", die gefügige Antwort: "Sehr wohl. Von nun an bin ich ein gewöhnlicher Mensch." Dazu der Kommentar von Colonel Sanders, einer Unfigur aus Murakamis Roman: "So spitzenmäßig postmodern sind die. Wenn es sie [die Götter] geben soll, gibt es sie. Wenn nicht, dann nicht." Ein solches Verhalten zeigt aber, dass der Glaube im strengen Sinn kein Glaube ist, sondern die Simulation von Glauben, ein Glaubensspiel. Und das gilt auch für Murakamis Figuren in Hinblick auf religiös oder ideologisch besetzte Themen wie den Ödipuskonflikt. Japan mit seiner religiösen Flexibilität könnte man folglich als Vorreiter der Postmoderne betrachten, oder als Land, in dem die postmoderne Kultur zur Perfektion getrieben wurde und wird - Murakamis Erzählpoetik wäre nur eine besonders schöne Blüte dieses Vorgangs. Die postmoderne Grundhaltung ermöglicht es, alles Mögliche und Unmögliche zu mischen. Das tut Murakami mit sprühendem Eifer. Dabei sollte man nicht glauben, dass er sich etwa dem Westen andiene. Nein, östliche Traditionen gehören ebenso zu seinem Material, zum Beispiel die altjapanische Geschichte vom Prinzen Genji, die in Kafka am Strand herangezogen wird, um die Existenz von Geistern zu bekräftigen. Sosehr Murakami Anleihen bei Kafka oder bei angelsächsischer Fantasy nimmt - die Durchlässigkeit der Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit ist im Fernen Osten wohl größer als im europäischen Westen, und Seelenwanderungen wie die bei Murakami praktizierten sind für das buddhistische Gemüt gar nicht erstaunlich.
Das große Durchmischen ist nicht Murakamis einzige Stärke. Ja, vielleicht wäre es gar keine Stärke ohne sein unerschöpfliches Talent, Figuren und Situationen gleichsam aus dem Nichts zu schaffen. Kafka am Strand besitzt einen hohen Komplexitätsgrad, aber auch die Einfachheit eines Roadmovies.
Ein Nostalgiker der Moderne oder gar der Vormoderne wird nun ein paar kritische Fragen vorbringen. Er wird Gedanken an die Konstruktion des umfangreichen Werks verschwenden, an die Austauschbarkeit, die um sich greift, wenn eine Seele in jegliche Gestalt schlüpfen kann, an das Problem mit der Zeit, die "hier nicht so wichtig ist". Im letzten Abschnitt geht das mit der Zeitlosigkeit in Ordnung, denn da beschreibt Murakami eine Art Limbus (auch von der Göttlichen Komödie hören wir ein fernes Echo), eine Unterwelt oder das traumhafte Unterbewusste, dort steht natürlich die Zeit still. Aber ein Roman arbeitet ja zwangsläufig mit der Zeit, er ist dem Gesetz der Sukzession unterworfen.
Ödipusschema erfüllen?
Dass Kafka am Strand keine rationale Logik verfolgt - geschenkt, und dass die erzählpoetische Logik wild ist wie die Wälder von Shikoku - ebenfalls geschenkt. Überhaupt ist die Welt eine Metapher, wie der kluge Oshima sagt. Trotzdem fragt sich der Nostalgiker, warum Kafka Tamura, dieser so gescheite und andererseits so bemüht zurückhaltende (damit er nicht zu alt wirkt?) Bursche, seinen Vater so sehr hasst. Das wird dem kritischen Leser nicht recht plausibel. Und ebenso wenig, warum die Mutter den kleinen Kafka verlassen, aber seine Schwester mitgenommen hat. Vielleicht nur, damit das Ödipusschema erfüllt wird? Und so kann man auch zweifeln an der Todesart des Geliebten derselben Mutter, als die beiden noch Teenager waren: Folterung und Tod nach einer Verwechslung auf dem Campus einer von linksradikalen Studenten besetzten Universität? Diese 1968 spielende, mit wenigen Sätzen umrissene Szene ist immerhin ein Auslöser, wenn nicht der Auslöser für die ganze erzählte Geschichte. Und was ist am Ende des Romans mit den diversen ödipalen Hypothesen, die Kafka immer wieder gewälzt hat? Sie verpuffen wie Seifenblasen. Nein, das ist kein "offenes Ende", sondern die Folge der Verwurstung von allzu viel Stoff.
Zuletzt noch die Ausgangsgeschichte: 1944, während des Kriegs, werden auf einer Waldlichtung in Shikoku plötzlich 16 Schulkinder ohnmächtig. Offenbar hat es am wolkenlosen Himmel ein Glänzen oder Blitzen gegeben, aber sonst findet sich keine weitere Erklärung für den Vorfall. Fast dreißig Jahre später erzählt die Lehrerin, die damals dabei war, von einem erotischen Traum und der während dem Schulausflug ins Wachleben hineinwirkenden Energie des Traums.
Vielleicht hatte der Vorfall damit zu tun. Das einzige Kind, das damals Schaden genommen hat, heißt Nakata - wie der alte Mann, der sich im Roman mit dem Chunichi-Fan anfreundet. Die Geschichte von 1944 verschwindet samt ihren möglichen Wirkungen nach und nach aus der Romanhandlung. Sieht man davon ab, dass Kafkas Vater einmal vom Blitz gestreift wurde (eine der vielen Parallelstellen des Romans) und dass der alte Nakata eine besondere Beziehung zu Gewittern hat. Das sind dann die letzten Kreise der Ausgangsgeschichte, danach ist die Oberfläche wieder glatt, und bald darauf wird ein neuer Stein ins Wasser der Erzählung geworfen. Haruki Murakami, Kafka am Strand. (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.4.2004)
Mit zwei erstmals greifbaren Fragmenten zu Thomas Bernhards "Frost" wird ein geheimnisvoller Bruch im Schreiben des Autors sichtbar
Mit 20.000 Euro dotierte Auszeichnung für eine der sprachmächtigsten Autorinnen der deutschen Gegenwartsliteratur
Gewann 1982 den Bachmann-Preis - Zahlreiche Bücher im Innsbrucker Haymon Verlag erschienen
Nachfolger Karsten Kredel wechselt von wird Suhrkamp
Autor wohnte Anfang der 90er Jahre in Hietzing und nimmt das ungewöhnliche Geschenk gerne an
Wie würde das gehen? Sicher nicht mit einem rumpelnden Rollkoffer oder einem lächerlichen Rucksack
Das Literaturhaus Graz verdankt seine Existenz der Kulturhauptstadt 2003. Zum Zehn-Jahr-Jubiläum gelangten zehn Szenen zur Uraufführung
Cordula Simon und Nadine Kegele unter den 14 nominierten Autoren
Die Merkel, der Putin, der Stronach, die EU: Was von den Mächtigen zu halten ist. Monolog eines Polit-Kenners vor der "Zeit im Bild"
Kommende Woche erscheint Dan Browns neuer Roman
Der deutsche Autor über früheste Erinnerungen, späte Verluste und eine Mutter, die er erst siebzigjährig über ihre Briefe kennengelernt hat
Die farbigen, kuriosen, sprachlich glanzvollen Lebenserinnerungen der Jessica Mitford
Ein Briefwechsel zweier höchst unterschiedlicher Temperamente: Willy Brandt und sein häufig schwieriger Bewunderer Günter Grass
Gefangen im Netz: In Deborah Levys Roman "Heim schwimmen" schleicht sich ein blinder Passagier in eine Beziehung
Tagung des deutschen PEN-Zentrums bis Sonntag
Die slowakisch-österreichische Schriftstellerin Zdenka Becker ist mit ihrem Roman "Der größte Fall meines Vaters" im Literaturhaus am Inn in Innsbruck zu Gast
Französische Schriftstellerin, Gründungsmitglied von Attac
"Nocturnes": Erwin Uhrmann und Moussa Kone legen ein faszinierendes Buch über die Schattierungen der Nacht vor
Erste Tranche des Google-Digitalisierungsprojekts ist online
Eine Relektüre von Søren Kierkegaards "Tagebuch eines Verführers"
William T. Vollmann und sein fiktives Geschichtspanorama "Europe Central"
Was aber bleibt, stiften die Dichter: Gustav Ernst spielt in seinem neuen Roman "Grundlsee" mit Versatzstücken des Familienromans
Machtlose Erwartung und vereinsamte Trostlosigkeit: Armin Baumgartners Prosaband "Die Wucht des Banalen"
Der US-Autor erzählt in seinem großen Roman "Europe Central" vom Kampf zweier Diktaturen
Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.