Das symbolische Kapital akademischen Schreibens

17. April 2004, 21:00
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Wiener Sprachwissenschafter untersuchten in bisher umfangreichster Studie die studentische Schreibkompetenz

Hilfe beim Schreiben akademischer Arbeiten", "Diplomarbeits-Coaching" - wer sich an Österreichs Universitäten umsieht, wird die zahlreich ausgehängten Nachhilfeangebote kaum übersehen. Obwohl wissenschaftliches Schreiben zu den akademischen Schlüsselkompetenzen zählt, wird es im Studium meistens erst spät, mit mangelnder Unterstützung erlernt. Schreibprobleme werden häufig als individuelle, nicht als institutionelle Probleme gesehen.

Einen Kompetenz- und Defizitkatalog der studentischen Schreibkompetenz zu erstellen, der Anforderungen und Bedürfnisse von Studierenden und Lehrenden berücksichtigt, wäre ein erster Schritt, um unterstützende Maßnahmen für Seminare zu entwickeln. Dieses Ziel verfolgt das vom Wissenschaftsfonds unterstützte Projekt "Genre, Habitus und wissenschaftliches Schreiben" des Wiener Instituts für Angewandte Sprachwissenschaft.

Von Oktober 1999 bis April 2004 führte Projektleiter Helmut Gruber gemeinsam mit fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die bislang umfangreichste Studie wissenschaftlichen Schreibens im deutschsprachigen Raum durch: Aus drei interdisziplinär ausgerichteten sozialwissenschaftlichen Fächern - Personalwirtschaft, Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftspsychologie - wurden 26 Seminararbeiten, Handouts und Unterlagen der Lehrenden detailliert untersucht. Fragebögen wurden ausgewertet, Protokolle und bis zu einstündige Interviews mit 35 Studierenden und Lehrenden geführt. Für die Auswahl der Fächer sprachen die vergleichbaren methodologischen Instrumentarien und Fragestellungen. Ihr unterschiedlicher institutioneller Rahmen sollte eine allgemeine Gültigkeit der Ergebnisse gewährleisten.

Methodisch wurde die sprachwissenschaftliche Analyse diskursiver Merkmale mit Pierre Bourdieus Habitustheorie verbunden. Denn der studentische Schreibprozess muss im Kontext von Institution und persönlichen Einstellungen gesehen werden. Die Texttypen "Prüfungsarbeit" und "wissenschaftliche Arbeit" überlappen einander zwar entsprechend den Anforderungen der verschiedenen Seminare; aber die Wahrnehmung der Aufgabenstellung hängt stark mit dem Habitus der Studierenden zusammen. Verstehen sie ihre Position an der Universität als Auszubildende oder als Jungwissenschafter? Wie bewerten sie ihr "symbolisches Kapital" des wissenschaftlichen Schreibens?

Das Seminar in Wirtschaftsgeschichte, bei dem zu wissen, wie eine Seminararbeit zu schreiben sei, vorausgesetzt wurde, hatte nicht nur die Studierenden der verschiedensten Disziplinen, sondern auch die meisten mit Wissenschaftshabitus. Im wirtschaftspsychologischen Seminar als Methodenlehrveranstaltung wurden mehrere Stunden zur Explikation des Genres Seminararbeit verwendet. Entsprechend ging es vielen Studierenden um das Schreibenlernen für ihre Diplomarbeiten. Personalwirtschaft, als betriebswirtschaftliches Fach, hatte erwartungsgemäß die wenigsten Studierenden mit Wissenschaftshabitus. Studieren wird als Durchgangsstadium, als Ausbildung für einen möglichst gut bezahlten Job verstanden. Helmut Gruber: "Einige betrachteten den Lehrveranstaltungsleiter sogar als Versager, weil er auf der Uni angestellt ist und es nicht in die Wirtschaft schaffte."

Insgesamt bewerteten die Studierenden positiv, dass sie im Studium schreiben müssen. Aber je kleiner ihr wissenschaftliches Interesse, desto größer die Bereitschaft, für geringeren Arbeitsaufwand schlechtere Noten in Kauf zu nehmen. Wie hängen Benotung und Textmerkmale zusammen? Es zeigte sich, dass für die Beurteilung die Makrostruktur eines Textes ausschlaggebend ist: Textaufbau, -struktur und interne Relation von Textabschnitten müssen die klare und übersichtliche Darstellung von Fragestellung und Problemlösung gewährleisten. Die vielschichtige Analyse der textlichen Mikroebene prüfte den Anteil argumentativer und erklärender Elemente, den Wortschatz und wie Seminararbeiten in den wissenschaftlichen Diskurs eingebettet werden.

Die etwas kuriosen Resultate: Sprachliche Differenzierungen mittels Modalisierungen wurden offenbar tendenziell als Unsicherheit ausgelegt, was sich in einer schlechteren Benotung niederschlägt. In Wirtschaftsgeschichte wurden verschwimmende Grenzen von Zitat und eigenem Text als einem "guten epischen Stil" entsprechend positiv bewertet. Dass die Mikroebene insgesamt nur bedingt mit der Benotung korreliert, überrascht nicht, wenn man beachtet, dass die Lehrenden, den Interviews zufolge, durchschnittlich nur zehn bis 30 Minuten für die Korrektur einer Arbeit aufwenden.

Die auffällige Diskrepanz zwischen verlangten und benoteten Qualifikationen sollte aber besonders bezüglich der Argumentation zu denken geben. So entdeckte die textlinguistische Analyse viele argumentative Fehler, die für die Benotung keine Rolle spielten. Besondere Schwierigkeit bereitet in allen drei untersuchten Fächern das Formulieren einer "wissenschaftlich fundierten eigenen Meinung". Der Unterschied zur bloß subjektiven Meinung wurde offenbar unzureichend kommuniziert. Dass Explizit-Machen der Ansprüche den Studierenden hilft, ist offensichtlich. Dazu ist es aber nötig, den Lehrenden zu verdeutlichen, was sie mit den wissenschaftlichen Ansprüchen verbinden. Um die Transparenz der Bewertungskriterien zu garantieren, damit sich der stets geforderte "rote Faden" nicht in subjektiven Einschätzungen verwickelt, müssen ihm entsprechende diskursive Merkmale zugeordnet werden.

Helmut Gruber: "Ein Bewusstwerdungsprozess aufseiten der Studierenden und der Lehrenden erfordert nicht nur Antworten auf die Frage, was verlangt wird, sondern auch auf die Frage, warum es verlangt wird." Um diesen Prozess zu beschleunigen, sollten nicht nur in den Wirtschaftsfächern aus dem - demnächst erscheinenden - Projektbericht didaktische Konsequenzen gezogen werden. (Peter Kaiser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18. 4. 2004)

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