"Guter Müll, böser Müll"

22. April 2004, 23:07
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Müll hat ein schlechtes Image. Gibt es guten Müll? - ein Gespräch mit TU-Professoren Paul H. Brunner und Helmut Rechberger

Der Standard im Gespräch mit den TU Wien-Professoren Paul H. Brunner und Helmut Rechberger über die Sinnlosigkeit von Müllvorschriften und die Frage: Was ist guter Müll? Von Mia Eidlhuber

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Ist es sinnvoll, Müll zu trennen?

Brunner: Papier, Glas und Restmüll zu trennen, ist sinnvoll. Ich kompostiere, obwohl das ökologisch nicht sinnvoll ist. Die Gemeinde spart Kosten, aber ich züchte Ratten, wie ich jetzt weiß. Und wenn ich zuhause kompostiere, produziere ich CO2 und damit einen Schadstoff. Sinnvoll wäre, Biomüll einer Methangärung zu unterziehen. Wien macht das in Zukunft, da wird unter Luftausschluss Müll von Methanbakterien zersetzt und dabei Energie gewonnen.

Ließe sich Müll in unserer Gesellschaft ganz vermeiden?

Brunner: "Zero Waste" wird es nicht geben, weil auch die Natur Abfälle produziert. In Südamerika gibt es die Insel Guano. Durch den meterhohen Kot der Pelikane ist das eine vollkommen lebensfeindliche Umgebung. In Europa wurde der abgebaute Guano aber als Dünger verwendet. Dieses Beispiel zeigt, dass aus Abfall ein neuer Rohstoff werden kann. Es ist ein Faktum, dass wir aus dem Boden viele Stoffe herausholen und sie nutzen, es ist auch ein Faktum, dass einige Rohstoffe hoch toxisch sind, wie Kadmium oder Quecksilber. Wenn solche Stoffe nicht in der Abfallwirtschaft ankommen, ist das für mich ein Alarmzeichen, ein Schadstoff, der in der Abfallwirtschaft ankommt, hingegen ein Stoff am richtigen Ort. Bei "Zero Waste" ist die Gefahr groß, dass durch das Vermeiden wollen von Abfällen die Schadstoffe nicht mit notwendiger Sorgfalt entsorgt werden.

Müll hat ein schlechtes Image. Gibt es guten Müll?

Rechberger: Alles, was man verbrennen kann, ist guter Müll. Da lassen sich Schadstoffe isolieren und in Untertagedeponien endlagern. Nicht kontaminierte Abfälle wie Papier oder mineralischer Bauschutt kann man sinnvoll rezirkulieren. Im Prinzip ist nur ein gewisser Teil der Abfälle, wenn man so will, nicht guter Abfall.

Wird man irgendwann auf Mülldeponien verzichten können?

Brunner: Deponien wird es immer geben, weil man immer Abfälle haben wird. Was wir wollen, ist ein Endlagerkonzept, wo drei Dinge berücksichtigt werden: Man muss den Platz gut aussuchen, man muss gut abdichten und man muss schauen, ob die Stoffe, die man ablagert, nachsorgefrei sind. Das heißt, es gibt keine schädlichen Emissionen. Rechberger: Es gibt auch natürliche letzte Senken, für Chlor ist es der Ozean, für Molekularstickstoff ist es die Atmosphäre. Für manche Stoffe, wie Kadmium, gibt es aber keine natürlichen Senken, da muss man Deponien gestalten.

Gibt es ökonomisch sinnloses Recycling?

Brunner: Ja, da gibt es Prozesse, die ökonomisch widersinnig sind. Wir haben eine österreichweite Kunststoff-Studie gemacht: Wie viel Kunststoff fließt und wie viel wird rezirkuliert. Fazit: Heute wird über die Verpackungsverordnung ein relativ geringer Teil rezirkuliert, ein größerer Teil wird deponiert. Man muss also neue Ansätze finden. Das Problem beim Kunststoff sind die Mischungen: Dieser Bodenbelag ist sicher kadmiert, damit er möglichst lange hält, und diese Getränkeverpackung ist aus PET. Und zusammen sind sie ein Höllengemisch. Wenn man hohe Recyclingraten will, muss man Stoffe neu zusammensetzen, neue Produkte gestalten.

Ist der Kauf von Glas oder PET sinnvoller?

Brunner: Dazu gibt es unzählige Studien. Das hängt von den Transportdistanzen ab. Bei großen Distanzen lohnt sich PET, sonst ist die Glasflasche überlegen.

Rechberger: Aber im Grunde sind das Mikroschrauben für den volkswirtschaftliche Stoffhaushalt. Bei den großen Makroschrauben, wie dem Verkehr, da ist es äußerst schwierig, ein neues Bewusstsein zu schaffen. Im Prinzip wissen alle, dass sie weniger fahren sollten, aber keiner tut es. Wir sollten uns heute fragen: Was sind unsere Ziele? Umweltschutz? Ressourcenschonung? Nachsorgefreiheit? Dafür müssen wir die Stoffflüsse so ändern, dass diese Ziele erreicht werden.

Wer ist heute der größte Müllverursacher?

Brunner: In einer Dienstleistungsgesellschaft ist natürlich der Endverbraucher der größte Abfallproduzent. In der Vergangenheit musste man sich auf die Produktionsbetriebe stürzen.

Rechberger: Schlote in Fabriken sind leicht zu kontrollieren. Die breit gestreuten Emissionen, die beim Konsumenten anfallen, sind schwieriger unter Kontrolle zu bringen. Schauen Sie einmal, was die Leute zuhause in ihren Öfen verbrennen. Deswegen ist die Luftqualität heute flächenhaft mehr gefährdet, vor allem im ländlichen Raum. Eine Schweizer Analyse hat gezeigt, dass die Dioxinmengen aus diesen Quellen höher sind als aus den Müllverbrennungsanlagen.

Sollten Endverbraucher stärker als bisher Richtlinien bekommen?

Brunner: Wir streben immer mehr nach Wohlstand und Bequemlichkeit. Katalysatoren können heute 99 Prozent der Schadstoffe zerstören, aber ein Mensch, dem man sagt, versuch nur die Hälfte mit dem Auto zu fahren, wird das nicht machen. Deshalb bin ich pessimistisch, dass es uns gelingt, Menschen Richtlinien zu geben.

Wer verdient am Müll?

Brunner: Wenn der Gesetzgeber die Verpackungsverordnung erlässt, dann sind das natürlich neue Geschäftsfelder. In den 80er-Jahren ließ sich mit Aktien auf diesem Gebiet viel Geld verdienen. Diese Goldgräberzeiten sind vorbei. Der Markt ist heute ein harter Markt. Da wird viel redimensioniert, man sammelt längst nicht mehr so viel wie früher, weil auch hier alles einem enormen Kostendruck unterliegt.

Wo liegen in Zukunft Entwicklungspotentiale?

Rechberger: Klassische Abfallwirtschaft kann nur reagieren - und das meist zu spät. Ressourcenmanagement, ein Forschungsgebiet, das an der TU Wien neu eingeführt wurde, möchte das Gesamtsystem anschauen, um Signale auszusenden, wie neue Produkte ausschauen sollen. Ein gutes Produkt aus unserer Sicht ist eines, das möglichst wenige Stoffe beinhaltet, die später zu potenziellen Schadstoffen werden können. Es hilft, Kosten zu sparen, wenn man vorher überlegt: Wo wird gesammelt, wie wird deponiert? Jeder von uns besitzt heute ungefähr 350 Tonnen Lager, das sind Häuser, Straßen, die gesamte Infrastruktur etc. Dieses Lager verdoppelt sich in den kommenden 50 bis 100 Jahren. Wir schätzen, dass jeder 200 bis 300 Kilo Kupfer besitzt. Das ist ca. die Größenmenge an Kupfer, wie es auch in den Erzlagern noch vorhanden ist. Dieses Lager stellt eigentlich einen großen Wert dar. Aber wir wissen noch wenig darüber. Es braucht Studien und Untersuchungen, wie das Lager zusammengesetzt, wie es zu bewerten und zu bewirtschaften ist. Die Bevölkerung muss informiert werden, dass wir dieses Lager besitzen. Wir müssen uns die Probleme bewusst machen, wie das in der Abfallwirtschaft auch gelungen ist. Abfall ist ein Thema, jetzt müssen wir Lager und Stoffflüsse zum Thema machen.

(DER STANDARD Printausgabe 17/18.4.2004)

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