Chip im Hirn soll Computer steuern

22. April 2004, 15:45
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Kann ein Mikrochip menschliche Gedanken lesen? Ein auf medizinische Geräte spezialisiertes US-Unternehmen will es beweisen

Salt Lake City/Wien - Dass völlig gelähmte Menschen durch konzentriertes Denken wieder in die Lage versetzt werden, ihren Arm zu bewegen, hat im Vorjahr ein Grazer Forschungsteam bewiesen (DER STANDARD berichtete). Grundlage des sensationellen medizinischen Erfolgs war ein Brain-Computer-Interface, bei dem durch die Denkarbeit freigesetzte elektrische Impulse an die Muskeln weitergegeben werden. Die Hirnströme wurden dabei von Elektroden am Kopf gemessen.

Ein im Hirn implantierter Chip jedoch, der quasi Gedanken lesen kann, klingt zunächst reichlich nach Sciencefiction. Wie die New York Times berichtet, beabsichtigt das im US-Bundesstaat Utah ansässige Unternehmen Cyberkinetics schon im kommenden Monat fünf völlig gelähmten Menschen einen kleinen Chip ins Hirn einzupflanzen, der sie in die Lage versetzen soll, allein durch ihre Gedanken einen Computer zu bedienen.

Die Implantate sind Teil des Cyberkinetics "BrainGate-Systems". Sie werden durch ein kleines Loch oberhalb des Ohrs in das Gehirn eingepflanzt. Der etwa zwei Millimeter kleine Chip wird im so genannten motorischen Kortex des Gehirns, das die Bewegungen kontrolliert, platziert. Die Elektroden, die wie Spikes von der Chipoberfläche abstehen, reichen dabei etwa einen Millimeter tief ins Gehirn hinein. Ein kleines Kabel hängt aus dem Kopf des Implantierten heraus und wird an einen Computer angeschlossen.

Implantationen von stimulierenden Geräten in die Gehirne etwa von Parkinson-Patienten sind zwar schon längst erfolgt. Doch diese dienen dazu, dass sie elektrische Impulse freisetzen, die das Zittern des Körpers reduzieren sollen. BrainGate hingegen setzt keine Stromimpulse frei. Stattdessen "hört" es auf die elektrischen Signale, die die Neuronen des Hirns bei ihrer Arbeit hervorrufen. Das Ziel ist es, Muster der neuronalen Aktivitäten zu entdecken, die die Absicht anzeigen, eine bestimmte körperliche Tätigkeit ausüben zu wollen.

In Versuchen an nicht gelähmten Menschenaffen wurde den Tieren beigebracht, einen Computercursor mit einem Joystick zu steuern, währenddessen jeweils ihrer Neuronenaktivitäten überwacht wurden. Nachdem die Übereinstimmung verschiedener Muster von Neuronensignalen mit verschiedenen Körperbewegungen entdeckt wurde, wurde der "Befehl", den Cursor zu bewegen, im Hirn stimuliert. In einigen Fällen schien es, dass die Tiere sogar erkannten, dass sie für die Cursorbewegung ihren Arm nicht mehr auszustrecken brauchten. Dies könne man durchaus als "Gedankenlesen" bezeichnen, so die Forscher.

Die von Cyberkinetics geplanten Implantate sind nicht unumstritten. Neben medizinischer Bedenken wird auch der Sinn hinterfragt, da es - siehe Graz - auch andere Methoden gäbe. Cyberkinetics ist jedoch davon überzeugt, dass ihre Entwicklung schnellere Ergebnisse bringt und der Chip es den gelähmten Menschen ermöglichen werde, 20 bis 30 Wörter pro Minute auf einem PC einzugeben. (Karin Tzschentke/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18. 4. 2004)

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