Die etwas andere Erbin

18. April 2004, 10:00
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Linda Hasenfratz wurde im Jahr 2002 Konzernleiterin der Autozuliefergruppe Linamar Corp

In Kanada gibt es zwei reiche Erbinnen in der Autoindustrie: Belinda Stronach und Linda Hasenfratz. Die beiden Frauen haben erstaunlich vieles gemeinsam. Beide sind Konzernleiterinnen im väterlichen Betrieb geworden: Belinda Stronach im Jahr 2001 beim Autozulieferkonzern Magna International, ihre "Kollegin" Linda Hasenfratz im Jahr 2002 bei der Autozuliefergruppe Linamar Corp.

Beide Unternehmen befinden sich in der kanadischen Provinz Ontario. Beide Frauen sind 37 Jahre alt. Beide haben einen Vater namens Frank, der von Europa nach Kanada auswanderte und dort eine Autozulieferfirma gründete. Der gebürtige Steirer Frank Stronach verließ Österreich in den Fünfzigerjahren. Beide Väter amtieren heute als Chairman im Konzern.

Von der Pike auf gelernt Im Unterschied zu Belinda Stronach hat Linda Hasenfratz ihren Job als CEO aber nicht für eine Karriere in der nationalen Politik an den Nagel gehängt. Im Gegenteil: Die eher konservativ auftretende Geschäftsfrau hat sich ganz klar den Respekt einer männlich dominierten Industrie erworben. Während Stronach bei Magna nie in der Produktion arbeitete und sich außerhalb der Firma einen Namen als Wohltäterin machte, lernte Hasenfratz ihr Metier bei Linamar in Guelph von der Pike auf: Sie arbeitete unter anderem an der Drehbank und als Maschinentechnikerin, später im Marketing und in der Buchhaltung.

Sie gab auch nicht wie Stronach die Universität nach einem Jahr auf, sondern schloss das Studium erfolgreich mit einem Wissenschaftsexamen ab und besitzt auch ein Wirtschaftsdiplom (MBA). Während Belinda Stronach sogleich in den väterlichen Konzern eintrat, arbeitete Linda Hasenfratz zuerst in einem Pharmaunternehmen. "Ich wollte wohl beweisen, dass ich nicht meinen Vater brauchte, um einen Job zu kriegen", bekannte sie einmal.

Doch nach einem Jahr realisierte sie, dass es ein Fehler wäre, Linamar den Rücken zuzukehren. Vor sieben Jahren wurde sie operative Leiterin der Firma, die in ihrem Geburtsjahr gegründet wurde und heute mit 8800 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 900 Millionen Euro erzielt.

Zunächst reagierten die Investoren vorsichtig, und der Aktienkurs fiel kurzzeitig dramatisch. Aber Linda Hasenfratz bewies schnell, dass sie etwas kann. Sie expandierte in neue Länder, erweiterte die Produktpalette und eröffnete mehrere neue Fabriken.

So unterhält Linamar in Ungarn große Produktionsstätten und in Deutschland in der Nähe von Dresden ebenfalls eine Niederlassung. 1999 wurde Linda Hasenfratz Präsidentin von Linamar. Im August 2002 ersetzte sie ihren aus Ungarn stammenden Vater als Vorstandschef.

Die Firma setzt unter ihrer Führung ein stetiges Gewinn-und Umsatzwachstum fort. Der Aktienkurs hat seit ihrem Amtsantritt im Sommer 2002 um über 40 Prozent zugelegt. Nebenbei gebar Linda Hasenfratz vier Kinder.

Die Managerin hat einen anderen Ehrgeiz als Belinda Stronach: Ihr Ziel ist ein Umsatz von sechs Milliarden Euro im Jahr 2010. Die Kanadierin will noch lange am Ruder des Konzerns bleiben: "Ich habe 30 Jahre, um meine Pläne zu verwirklichen", erklärte sie. (DER STANDARD, Printausgabe 17./18.04.2004)

Von Bernadette Calonego
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