In Berlusconis Geiselhaft

27. April 2004, 17:54
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Italien und seine Bürger sind neuerdings ein bevorzugtes Terrorziel - von Christoph Prantner

Diesmal ist es anders: Bei aller Beschwörung des "heldenhaften Todes" von Fabrizio Quattrocchi im Irak, die italienische Regierung scheint nicht mehr imstande, jenes Maß an nationaler Ergriffenheit zu erzeugen, anhand der sie sich noch im November um unangenehme Fragen gedrückt hat. Damals starben 19 Carabinieri bei einem Autobombenanschlag in Nasiriya, danach war jedes kritische Wort unerwünscht. Diesmal geben sich die Italiener nicht mit pathetischem Nationalgefühl zufrieden. Diesmal fragen sie nach. Besonders die Angehörigen der noch in Geiselhaft befindlichen Männer wollen von Premier Berlusconi wissen, warum es überhaupt so weit kommen musste, dass sie um das Leben ihrer Söhne im Irak bangen.

Obwohl vor allem die Kanäle des Regierungschefs alles daran setzen, lassen sich die Italiener den Unterschied zwischen islamistischen Terroristen und irakischen Widerständlern nicht mehr verwischen. Die Menschen sehen, dass die von Italien mitgetragene Intervention im Irak den islamistischen Terrorismus nicht wirkungsvoll bekämpft, sondern erst recht angefacht hat. Und sie erkennen, dass sie - in Geiselhaft Berlusconis - dazu genötigt wurden, dessen verquere außenpolitischen Fantasien mitzutragen. "Italien ist wieder wer", lässt der Premier, der sich wie kaum ein anderer Politiker an George W. Bush angebiedert hat, gerne verbreiten. - In der Tat: Das Land und seine Bürger sind neuerdings ein bevorzugtes Terrorziel.

Dies zu erklären wird selbst einem Marketinggenie wie Berlusconi zunehmend schwerer fallen. Er konnte den Italienern bereits den Irakkrieg trotz all seiner Medienmacht nicht "verkaufen". Und es gelingt ihm jetzt noch weniger, dessen Konsequenzen in seinem Sinn darzustellen. Die Mehrheit der Italiener will sich nicht mehr politisch kidnappen lassen. (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.4.2004)

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