Kommentar der anderen: Aufruf zur Damen-Wahl

16. April 2004, 19:51
4 Postings

Plädoyer für eine Staatsspitze in Frauenhand - von Peter Roos

Ich würde die Frau wählen!

Aber, ich habe hier nichts zu wählen. Ich lebe als Deutscher in Wien. Genauso werde ich in der Bundesrepublik bei der nächsten Wahl mein Kreuz für eine Kanzlerin Angela Merkel setzen. Ich will endlich eine Frau an der Spitze des Staates! Nicht eine Zählkandidatin, nicht eine Alibiministerin.

Schwarzer Parteipolitik unverdächtig, halte ich Rot für rollen-konservativ, sehe zwischen Frau und Mann eher Grün, und die Farbe meiner Brille ist blau, was ich mir von keinem Haider nehmen lasse.

Ich will endlich den Bann des Mannes gebrochen sehen! Ich will endlich die stille Automatik der Virilität unterbrochen haben! Endlich soll sich Sachkompetenz mit weiblichen Kulturtechniken und ihrem seelischen Vermögen ausprobieren, beweisen und entfalten können!

Glückliches Österreich! Ein Zeitalter wird besichtigt. Und ich bin glücklich, mit meinem fremden Blick von außen Zeuge zu sein bei einer historischen Wahl. Gewählt wird hier lange nicht nur Präsidentin oder Präsident. Gewählt wird hier lange nicht nur zwischen Problem und Partei, zwischen euro-global und national, zwischen Schwarz und Rot. Es geht um das Prinzip Patriarchat. Und da stehen Geschlechter-Politiken quer zu Partei-Politiken.

Gewählt werden also ebenso Lebensmuster, Rollenmodelle, Partnerwahl, Biografien. Dieser Wahlkampf ist auch ein Kampf der Kulturen. Und der ist immer noch unter der gläsernen Decke gedeckelt geblieben - Frauen haben es bislang nicht vermocht, die unsichtbare Grenze nach oben zu sprengen. Das kann sich ändern, das muss sich ändern!

Das Plakat

Dort, wo früher Wiens cellulitisfreie Zone im Palmers-Paradies herrschte, mache ich beim Warten auf irgendeinen 13A-Bus oder die D-Bim heute Irisdiagnose. Die Kandidatin schaut mir in die Augen, und Herr Fischer ist ja eh Präsident. Das ärgert mich. Denn Dr. Fischer ist nicht Bundespräsident. Aber er gibt jetzt schon den Amtsbesitzer, Machteigentümer, Autoritätsinhaber. Selbstverständlich männlich. Frost weht mich an, von oben herab. Der Staatsmanns-Darsteller mit den beratungsresistenten Augenbrauen über der kalten Zahnarztbrille ohne Rand. Statuarisch, der Gesicht gewordene Apparat. Warum ist er schlecht rasiert? Warum hält er sich bedeckt? Hilflos seine Hände. Der Mann ist ein geschlossenes System. Ihm möchte ich nicht unter die Augen treten müssen, Hilfe suchend. Ein Hardliner.

Das erzählt mir die Bild-sprache der Litfasssäule. Je raffinierter VisagistInnen, StylistInnen und Personality-DesignerInnen ein Politprofil produzieren wollen, umso schärfer schlägt die Charakter-Kontur durch die Inszenierung. Und die Seele liegt blank auf dem Plakat.

Die potenzielle Präsidentin öffnet sich nach draußen und nach vorn. Ihr Kragen ist nicht zugeknöpft. Sie hat zu gewinnen, nicht zu verlieren. Das werden Fischer-Männer nie kapieren.

In ihrer Stilisierung setzt sie sich als Person aus mit möglichst wenig Panzer und steht als unverwechselbares Ich mit Farbe und Form für sich selbst ein und für ihre Vorstellungen. Während Grau-Mann Grau-Mann bleibt, Dienstpflicht versieht, Funktionen verwest, die Geschäftsordnung pflegt, das Staatspolitische hegt und Paragrafen reitet.

Das Duell

Dass Ferrero-Waldner beinhart sein kann, bewies sie im TV-Duell. Selbstverständlich ist sie auch ein Paragrafen-Profi, aber ostentativer Zureiterei bedarf es nicht. Über eine Souveränität verfügt sie, die Ärger, Freude, Lampenfieber zulässt und Verletzbarkeit, wenn mann (!) sie "Marionette" heißt. Sie war nicht gefällig, verzichtete auf Pupperl-Lächeln und Kampfgegrinse, weit gehend authentisch, absolut androgyn: Sie beherrscht das männliche Arsenal, wie sie über weibliches Charisma verfügt. Sie führt den Dia-, Trialog, ist durchlässig - die Blick-Politik ihres Konkurrenten hat sie nicht nötig. Der hebt die Augen hoch empor zu Kreisky selig, probiert männerbündische Kumpanei mit dem Moderator, nervöselt und flieht den Blick der Konkurrenz. Obszön, wie er seine Pupillen der Kamera entäußert und solo ins Objektiv balzt.

Frauen sind zwar leider auch nicht die besseren Menschen, aber wenigstens die Hälfte der Menschheit. Und von dieser Hälfte können wir Männer kräftig lernen. "Mein" Kunterbundeskanzler Schröder brauchte drei Ehen, um von der vierten Gattin beigebogen zu bekommen, dass er zumindest öffentlich das Frauen- und Familienministerium zukünftig nicht mehr "Gedöns-Ministerium" nennen sollte. Fortschritt?

Ich jedenfalls würde die Kandidatin wählen!

(DER STANDARD, Printausgabe 17./18.04.2004)

Peter Roos, Jg. 1950, lebt als deutscher Schriftsteller ("Hitler lieben") seit 1991 in Wien; im Mai erscheinen seine neuen Bücher - "Der Engel im Kaffee- haus" (ein literarisches Porträt des Oberkellners Herr Robert aus dem Caf`é Landtmann) und "Tabori zieht um: Wie soll man eine Wohnung finden, wenn es regnet" (Verlag Bibliothek der Provinz).
Share if you care.