Kommentar der anderen: Grauer Mann und ein verlorenes Herz

16. April 2004, 19:45
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Beobachtungen beim Umbau von Menschen - von Marlene Streeruwitz

Das war schon alles richtig. So. Schon das Format war falsch. Im Amt sollen die KandidatInnen überparteilich und Frieden stiftend agieren. In der Selbstdarstellung im Fernsehen werden sie in einen Kampf verwickelt.

Dieser Widerspruch von Stabilitätsversprechung und erzwungen kämpferischer Selbstdarstellung zwingt zur Unterdrückung der Gegnerschaft. Zwingt zur Unterdrückung alles Politischen. Zwingt in miese kleine Vorwürfe. "Sie haben nicht . . ." "Sie haben auch nicht . . ." Eine Aufrechnung findet statt, um die es nie gehen wird.

In der Bewegung zum Überparteilichen werden die Bewerberin und der Bewerber um diese Überparteilichkeit in Parteilichkeit zurückgeworfen. Und da kommt alles wieder heraus. Da holt die Innenpolitik alle wieder ein. Die Familienstreiterei der großkoalitionären Vergangenheit bricht wieder einmal auf. Die große Frage der österreichischen Innenpolitik wird wieder einmal vorgeführt. Wer kann sich am schnellsten am weitesten von dieser gemeinsamen Vergangenheit lossagen. Das gelingt Ferrero-Waldner mit dem Argument, dass sie in der Zeit ja nicht mit abgestimmt hätte. Aber dann dürfen die beiden nicht wirklich streiten.

Die BeraterInnen der Kandidatin und des Kandidaten werden sichtbar. Keine Aggression. Das macht unsympathisch. Das sieht nicht nach staatstragend aus. Und so sitzen sie da. Widern einander an. Beißen kurz einmal zu. Fangen sich gleich wieder ein. Und werfen diese Beschränkung dem anderen gleich wieder vor. Dabei könnten es beide. Und das war aus dieser Show zu lernen.

Ferrero-Waldner hatte Recht, keine Diskussion zu wollen. Sie kann das nämlich. Sie ist beinhart und hat überhaupt keinen Charme. Und es stimmt natürlich, wenn sie sagt, dass discutere zerschlagen bedeutet. Wenn sie sich nicht so zurückhalten müsste, gäbe es das berühmte zerschlagene Porzellan.

Falsches Bild

Benita Ferrero-Waldner ist also nicht die verbindliche Person, die sie auf ihren Wahlplakaten sein möchte. Sie erscheint als durchsetzungsfähige, zielgerichtete Person mit wenig Beißhemmung. Der Widerspruch zwischen Selbstdarstellung und dem zu Sehenden. Der macht unruhig. Die Unruhe steigt, wenn dann in diesem bestimmten Ton nur unbestimmte Begriffe genannt werden. Entpolitisierte Begriffe wie Vernetzung. Zusammenführung. Fingerspitzengefühl. Und der hoffentlich entpolitisiert gemeinte Patriotismus. Denn meinte sie diesen Begriff ernst, bekäme sie schwere Probleme mit der Neutralität, mit der sie ohnehin Schwierigkeiten hat. Die romantische Konstruktion der Vaterlandsliebe bedeutet Kriegsbereitschaft. Und genau das will Neutralität ja nun nicht.

Nach diesem Abend glaubt man Ferrero-Waldner jedenfalls das Herz sicher nicht mehr. Warum, fragt frau sich, warum will sie in die Hofburg. Alle Qualitäten, die sich in der Diskussion enthüllen. Alle diese Qualitäten müsste sie in der Hofburg unterdrücken. Denn die Hofburg als ewige Charity-Veranstaltung bei 70 Prozent der Arbeitszeit im Ausland. Ein einziges Unterforderungsprogramm.

Und natürlich hat Fischer alle Probleme des in der österreichischen Politik sozialisierten Menschen mit einer entschlossenen Frau als Gegenüber. Das ist vergnüglich anzusehen. Es muss erst richtig emotional werden, bis Fischer sich traut.

Natürlich wird auch hier das Geflüster der BeraterInnen sichtbar. Nicht losgehen. Auf die Frau. Das macht unsympathisch. Das nützt ihr. Die Unbeholfenheit kommt aber aus einem genuinen Unverständnis von Gleichheit. Das mag frau der Generation zuschreiben. Und eben dieser Sozialisierung, die Verachtung immer als Privatgefühl abtat und sich deshalb nie mit den politischen Implikationen dieser Verachtung auseinander setzen musste. Eine politische Sozialisierung, die ein anderes nicht kennt in der Privatisierung der Verachtung. Und diese politische Kultur. Die gilt für alle und ist allen unbewusst. Da sind dann Ferrero-Waldner und Fischer ganz gleich.

Worin Fischer sich unterscheidet, ist die im Fluten der Begriffe in der politischen Postmoderne beruhigende Tatsache, dass er sich auf ein ideologisches Programm berufen kann. Und das ist auch die Sicherheit, die er mitbringt. Dabei ist es immer ein bisschen peinlich, mitansehen zu müssen, wie Menschen für Wahlkämpfe umgebaut werden. Plötzlich werden nur noch diese Umbauten sichtbar. Wie macht er es, lebhafter zu wirken. Wie wird er "menschlicher". Volksnäher. Und ja. Frau kann es sehen. Der Brief von der Frau Kirchschläger. Die Beteuerungen. Der nachdrückliche Einsatz der Hände.

Grobe Manieren

Ach ja. Elmar Oberhauser. Auch er muss einen anderen spielen. Was Oberhauser gut kann, ist, sich mit anderen Kumpels hinsetzen und die Welt besprechen. Da ist er ganz hart. Wenn es mit Niki Lauda um Ferrari geht. Oder mit Hannes Kartnig und Frank. Aber ein Argument mitdenken und dann die richtigen Schlüsse ziehen. Wenn die beiden DiskussionsteilnehmerInnen immer nur ihre eigenen Schlüsse ziehen wollen. Da kommt so ein inhaltliches Trudeln auf, das sich dann in grobe Manieren umsetzt. Zu Recht muss Oberhauser sich vor einer Universitätsdiskussion fürchten.

Und wieder einmal wird im österreichischen Fernsehen Denken als zu kompliziert den Sehern und Seherinnen nicht nur vorenthalten, sondern auch noch scherzhaft verächtlich gemacht. Und so ist man nach einem schlechten Fernsehabend wenigstens so klug als wie zuvor. Und mit der Stimme von Susi aus der PartnerInnen-Suchsendung "Herzblatt" gilt das Resümee: "Willst du, liebe Wählerin oder Wähler, die ehrgeizige und durchsetzungsfähige, aber unpolitisch säuselnde Benita, die in der Hofburg neu mit Fingerspitzengefühl ein Ohr für alle haben will, für die sie dann nichts tun kann. Oder. Willst du den großkoalitionär verhemmten Heinz, für den verfassungsrechtlich die Hofburg auch nur ein Büro ist und der für die Farbe Grau Sachlichkeit einsetzt. Liebe Wählerin oder Wähler. Du hast die Wahl." (DER STANDARD, Printausgabe 17./18.04.2004)

Die Schriftstellerin und Dramatikerin lebt in Wien; zuletzt erschienen von ihr die Essay- Sammlung "Tagebuch der Gegenwart" und der Roman "Jessica, 30" (Fischer); das Volkstheater zeigte im ver- gangenen Herbst ihr Stück "Brahmsplatz".
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