Ungarn in der Nußschale

23. April 2004, 11:57
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Kurz, prägnant und kenntnisreich erzählt György Dalos die Geschichte seines Landes

György Dalos hat ein Geschichtsbuch über seine Heimat Ungarn geschrieben. Ungarn in der Nußschale - Geschichte meines Landes, erschienen bei C. H. Beck, ist ein informatives Buch, wenn man kurz und knapp über die Historie des neuen EU-Mitgliedslandes informiert werden möchte. Es ist auch ein wichtiges Buch. Ein spannendes Buch ist es nicht.

Unweigerlich beschleicht den Leser auf den nicht einmal 200 Seiten das Gefühl, Dalos habe sich eine nicht ganz nachvollziehbare Selbstbeschränkung auferlegt. Er beschreibt langatmig, wo Kürze angesagt wäre - etwa bei den "blutigen Anfängen" Ungarns. Gleich zum Einstieg ermüdet er mit schier endlosen Beschreibungen gegenseitiger Abschlachtungen im "Urchaos" des Landes. Und er greift zu kurz, wo es spannend wird - etwa bei der Schilderung der größten neuzeitlichen Tragödie Europas, den "Katastrophen Krieg und Holocaust" und den entsetzlichen Folgen für Ungarn: Volksrepublik, Terror, Kulturrevolution, Niederschlagung des Volksaufstandes. Fast auffällig distanziert sich der Schriftsteller und Kulturvermittler (Dalos war Direktor des ungarischen Kulturinstituts in Berlin) so von seinem eigenen Erleben, seinem eigenen Schmerz - er war einer der prominentesten Ungarn, erhielt 1968 wegen "staatsfeindlicher Aktivitäten" Berufs- und Publikationsverbot und ging 1984 ins deutsche Exil.

Dalos berichtet streng chronologisch und lakonisch über die 1000-jährige Geschichte seines Landes. Er versagt sich saftige Anekdoten genauso wie die persönliche Gewichtung von Ereignissen. So kommt es, dass die (oft nicht ganz so) segensreichen Taten des "Heiligen Königs" Stephan quasi gleichberechtigt neben dem Volksaufstand von 1956 erscheinen - oder der "Ausgleich" Österreich-Ungarn von 1867 mit seiner Schlüsselfigur Kossuth ähnlich lakonisch-ironisch geschildert wird wie die Figur des bornierten und letztlich unfähigen Reichsverwesers Miklós von Horthy, der Ungarn in die Nazi-Katastrophe führte.

Mag sein, dass der brillante Erzähler Dalos in seinem Buch seinem eigenen politischen Zukunftswunsch aufgesessen ist: "Das als Reflex der Geschichte vererbte tragische Pathos sollte allmählich jener ruhigen, ironischen Skepsis weichen, deren Aufstieg meine Generation . . . miterlebt hat."

Möglicherweise fehlt Ungarn in der Nußschale ein wenig tragisches Pathos. Die Irrungen und Wirrungen des Landes ließen das jedenfalls allemal zu. Groß wird Dalos, wenn er seinen Hang zur Tragikomik (übrigens ein klassisches Ungarn-Klischee) doch nicht unterdrücken kann: Etwa, wenn er dem Ende der Ära János Kádár, seines persönlichen Unterdrückers, auch noch ironische Pointen abgewinnen kann - nicht ohne einen einfühlsamen Sidestep in die vermeintliche Seele des gestürzten und am Ende dementen Despoten.

Eine unverkennbare Leidenschaft hegt Dalos für die "Idee Europa" - das kann und will er gar nicht verleugnen, und es tut dem Buch auch gut. Jeden wichtigen geschichtlichen Abschnitt stellt er in einen "europäischen Kontext" - ob er nun die Fremdherrschaften, Ungarn "zwischen Frieden und Kriegen" oder die Nachkriegszeit beschreibt.

Wichtig ist das Buch, weil es den Verlauf der ungarischen Geschichte präzise beschreibt: als ständigen Versuch, sich aus alten politischen Bindungen zu lösen - um in immer neue Abhängigkeiten zu geraten. Allein dieser rote Faden hätte den Chronisten György Dalos zu einer ganzen Menge tragischen Pathos berechtigt. (ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.4.2004)

Von
Petra Stuiber
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    György Dalos:
    Ungarn in der Nußschale.
    Geschichte meines Landes. € 20,60/200 Seiten.
    C. H. Beck, München 2004

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