Kinoträume - so oder so!

19. Juli 2004, 14:13
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Bady Mincks "Am Anfang war der Blick" und Guiraudies "Pas de repos pour les braves": Gleich zwei Filme brachte jetzt die Produktionsfirma Amour fou in die Kinos

Wien - Der Dichter Bodo Hell traumwandelt durch Bücherwelten, er steht am Herd und backt sich eine Pyramide und irgendwann geraten Ansichtskarten-Sujets und Klischees in Bewegung: Am Anfang war der Blick, ein Animationsfilmessay von Bady Minck - ein Traumspiel zwischen Literatur und Bewegungsbildern, in dem nicht nur Knetmasse zu mutieren beginnt. Und wer nachher noch nicht genug vom Träumen hat, kann gleich im nächsten fantastischen Szenario versinken:

Pas de repos pour les braves von Alain Guiraudie leistet, gedreht im Südwesten Frankreichs rund um einen jungen Überlebens-(oder Sterbens-?) künstler, für ländliche Gegenden das, was einst Flann O'Brian (In-Schwimmen-zwei-Vögel) in Irland hart am Rand zur Trinkerfantasie imaginierte. Reale Szenarios kippen wie selbstverständlich in absurde, surreale, oft sehr heitere Traumwelten.

Wie Bady Mincks Blick kommt auch dieser kleine, charmante Film aus dem "Laboratorium" einer Wiener Produktionsfirma, bei der die Liebe zum Kino und kleine wie große Verrücktheiten gewissermaßen in eins fallen: Amour fou, 2002 gegründet, ist es in erstaunlich kurzer Zeit gelungen, sich als verlässlicher Hort für Avantgarde- und Autorenfilme zu etablieren, die sonst in Ermangelung von Strukturen nicht (oder: so nicht) zustande kämen.

Dabei gehen die Firmengründer Gabriele Kranzelbinder und Alexander Dumreicher-Ivanceanu sehr bewusst in Terrains, die sonst nicht gerade Liebkinder "professioneller" Produzenten sind. Dem Found-Footage-Künstler Martin Arnold standen sie etwa im Vorjahr bei der Realisierung seiner Kunsthallen-Installationen Deanimated bei. Bady Mincks Trickfilm wäre ohne rührige Mitbetreiber als Einzelgängeraktion mit diesem Aufwand wohl nicht realisierbar gewesen. Und wenn Amour fou für Alain Guiraudies Werk als Koproduzent verantwortlich zeichnet, dann setzt man auch hier ein deutliches Signal gegen allzu glatte Handschriften, für die im Koproduktionsbereich nicht ungern der Begriff "Euro-Pudding" strapaziert wird.

"Bonjour!"

Dafür grüßt man auf der Firmenhomepage ganz selbstverständlich mit einem fröhlichen "Bonjour!", Dumreicher-Ivanceanu und Kranzelbinder sehen sich bevorzugt als "Ermöglicher", als "Partner" von Kreativen und Individualisten. Und es war eine kleine Sensation, als diese Haltung im Vorjahr bei den Filmfestspielen in Cannes gleich vierfach belohnt wurde: Neben Guiraudie und Minck waren noch zwei weitere Amour-fou-Produktionen an die Croisette eingeladen worden: Ruth Maders Struggle und Virgil Widrichs Fast Film.

Zu den erfreulichen Effekten dieses Mehrfachdebüts am wichtigsten Filmmarkt der Welt zählen seither vermehrte internationale Kontakte. Die portugiesische Produzentenlegende Paulo Branco etwa wandte sich mit dem Projekt Ma mère (Regie: Christophe Honoré; Star: Isabelle Huppert) dezidiert an seine Wiener Kollegen, um eine Kollaboration anzuregen.

Für die heimische Branche generiert dies nicht zuletzt einen Transfer von Know-how - Alain Guiraudie, in Frankreich mittlerweile durchaus kein Geheimtipp mehr, hat an Schnitt und digitaler Nachbereitung seines Films wochenlang in Wien gearbeitet. Und wenn dann gewissermaßen "hausgemachte" Spezialeffekte in Frankreich prämiert oder die renommierte Village Voice von einem "besten Film des Jahres" berichtet, dann lässt das die Wiener Herzen schon höher schlagen.

Kranzelbinder: "Das bedeutet irgendwann einmal: Es entsteht ein Netzwerk, das kontinuierlich der Branche zugute kommt." Dumreicher-Ivanceanu findet es "erfreulich, dass das gerade mit einer dezidierten Haltung möglich ist. Qualität setzt sich durch." (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.4.2004)

Von
Claus Philipp

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Amour fou
  • Bastion für Autorenkino: Gabriele Kranzelbinder und Alexander Dumreicher-Ivanceanu von Amour Fou.
    fotos: amour fou

    Bastion für Autorenkino: Gabriele Kranzelbinder und Alexander Dumreicher-Ivanceanu von Amour Fou.

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