Die wilde Jugend tanzt sich den Swing

21. April 2004, 12:09
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Jamie Cullum bewegt sich mit punkigen Hotelbar-Hadern derzeit Richtung Weltkarriere - Nach einem Geheim­konzert offiziell beim Jazzfest zu Gast

Der 24-jährige Klavierspieler und Sänger Jamie Cullum bewegt sich mit punkigen Hotelbar-Hadern derzeit Richtung Weltkarriere. Vor seinem Auftritt beim heurigen Jazzfest Wien gab der "Robbie Williams des Jazz" jetzt ein geheimes Clubkonzert in Wien.


Wien - Dass Kinder dieselbe Musik hören wie die Eltern, ist als Phänomen so alt wie die Welt. Der Rock 'n' Roll aber, die Erfindung der Pubertät und der globale Siegeszug der so genannten Jugendkultur brachten hier vor 50 Jahren eine Zäsur. Heute müssen sich die Kinder davor schützen, dass die Alten nicht in der Nacht heimlich die megatittengeilen DJ-Pippifax-CDs aus dem Kinderzimmer flauchen, damit sie bei den anderen Power-Muttis und Trend-Daddies im Fitnessstudio beim Bauchnabel-Stretching damit cool angeben können.

Was den Rock 'n' Roll und seine Abkömmlinge allerdings unschlagbar macht: Er kann in seinen diversen Runderneuerungen schon auch so fies und gemein und nervenzerfetzend werden, dass es selbst der spätestens seit den Beatles ewig jungen Elterngeneration die Ohrwascheln ordentlich herschlackert. Damit die Alten nicht ins Kinderzimmer kommen, wurden über die Jahre Hardrock, Heavy Metal, Punk, Hardcore, Noiserock, Todesmetall, Techno, Gabba und DJ Ötzi erfunden.

Wo man als Alter allerdings gar nicht mehr mitkann und was jetzt für alle ein wenig überraschend kommt: Plötzlich kommen die verrückten Kinder auf die völlig jenseitige Idee, Sachen gut zu finden, mit denen Oma und Opa schon den Papa frühzeitig aus dem Haus und in die Hände von Mick Jagger getrieben haben. Man muss es endlich einmal sagen: Swing und diese ganzen aufgemascherlten und eingeölten Schlagersänger bei Hochzeiten von Mitgliedern des italienischen Kulturvereins, Außenstelle Las Vegas, sind eine Plage. Frank Sinatra, Sammy Davis Jr., Dean Martin, Nat King Cole. Sie nennen Namen und wir geben keinen Feuchten dafür aus.

Jamie Cullum verdient damit derzeit Heu. Der 24-jährige Brite mit der kernig-kräftigen Stimme, der im Vorfeld seines Auftritts beim Jazzfest Wien jetzt ein intimes Clubkonzert in der Babenberger Passage gab, verkaufte als "Robbie Williams des Jazz" und "Sinatra in Turnschuhen" innerhalb eines Monats von seinem zweiten Album, Twentysomething, 800.000 Stück. Und das mit alten Kamellen aus der Hotelbar wie Singin' In The Rain, What a Difference A Day Made, I Could Have Danced All Night oder I Get A Kick Out Of You.

Swing und Punk

Bei letztgenanntem Song wird auch klar, wie das mit dem Verkaufsschmäh geht. Der böse, aber in der sorgfältig verkommenen Generation-X-Uniform immer auch recht knuddelige Jamie tut bei der Titelzeile nämlich so, als ob er sich eine Linie vom Kolumbianer vom Klavierdeckel heruntereinschneidet. Das ist, bitte schön, Ein-Mann-Boyband-Swing-Punk mit voll verkaufstauglicher Hardcore-Underground-Kult-Attitüde!

Dazwischen steigt der sich selbst zwischendurch immer wieder am Flügel mit hämmernden Akkorden und grün und blau geschlagenen Noten begleitende kleine Mensch aufs Instrument, um die hier ansässige Firma Bösendorfer zu demütigen. Er schaut seinem Schlagzeuger beim Marschtrommelkehren und dem Kontrabassisten beim Ostinato-Petting zu und macht mit seiner Zunge Sachen, wo schon jedes Kind im Kindergarten weiß: Das macht man nicht!

Frauen im Publikum müssen sich manchmal auch fürchten. Der Sänger ist liebesbedürftig und die Bühne nur sehr niedrig gebaut. Er kommt!

Jamie Cullum verhunzt hier wie auch auf seinen Platten nicht nur Singin' In The Rain, als ob wir uns hier mit Nirvanas Smells Like Teen Spirit in der Hotelbar vom Mariott befinden würden, wo die gerade vom Symphonikerball heimkehrenden Gäste vor dem Schlafengehen noch ein wenig zu den Songs der rüstigen Hausband headbangen wollen. Auch Jimi Hendrix und dessen Wind Cries Mary werden in den Swing gezwungen.

Dieses Marketingkonzept wird weltweit demnächst ordentlich aufgehen. Norah Jones hat einen bösen Bruder bekommen. Und die hat mit fadem Klavier-Pop-Jazz ja auch schon zig Millionen verkauft. Ach Gott, was ist der Junge süß! Und wie er spucken kann! (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.4.2004)

Von

Jamie Cullum live:
13. Juli
Jazzfest Wien
Rathausplatz
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    Der britische Swing-Punk und angehende Weltstar Jamie Cullum

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