Radball ist der Tschechen Lust

16. April 2004, 18:46
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Dem Kunstradfahren gilt die geheime Liebe in der Tschechischen Republik

Prag - Blättert man an einem x-beliebigen Tag durch die Sportseiten der tschechischen Zeitungen, gewinnt man den Eindruck, das Sportleben beim nördlichen Nachbarn beschränke sich auf Fußball und Eishockey, die beiden populärsten Sportarten im Land.

Andere Disziplinen schaffen es nur in die Medien, wenn von Erfolgen berichtet werden kann. Zu diesen Sportarten, in denen die Tschechen über die Maßen erfolgreich sind, gehört das Kunstradfahren. Wobei besonders im Radball tschechische Sportler in den vergangenen Jahrzehnten die größten Erfolge verbuchen konnten. Davon zeugen mehrfache Siege bei der Radball-WM oder bei diversen Weltcuprennen. "Natürlich ist Radball keine Massensportart", sagt der Chef des tschechischen Kunstradverbands, Petr Hambalek, "aber dennoch ist es eine Disziplin mit einer Tradition, die bis in das Jahr 1927 zurückreicht."

Die Liebe zur Sportart wird oft von Generation zu Generation weitergegeben. Interessant dabei ist, dass viele der Spitzenmannschaften nicht aus den großen Städten wie Prag, Brünn oder Pilsen, sondern aus den kleinen Gemeinden auf dem Land kommen. In manchen Provinzen gilt Radball bei Jugendlichen sogar als "total cool".

Gegenwärtig gibt es im Land knapp 330 aktive Kunstradfahrer, die in 22 Vereinen organisiert sind. Rund 800 Personen sind laut Hambalek direkt oder indirekt in den Sport involviert. Der alljährliche Kampf um den nationalen Meistertitel findet auf drei Ebenen statt. Neben einer landesweiten Ersten und Zweiten Liga gibt es noch regionale Spielklassen. Die Platzierung in der höchsten Division ist Ausschlag gebend für die Entsendung der Fahrer und Mannschaften zu den internationalen Wettbewerben. So kann es laut Verbandschef Hambalek leicht passieren, dass auch Spitzenfahrer Formschwächen zum Opfer fallen und nicht nominiert werden.

Dieses Schicksal droht dieses Jahr den amtierenden Radball-Weltmeistern Miroslav Berger und Jirí Hrdlicka zu widerfahren, die im Winter bei der WM im ungarischen Tata (19.-21. November) ihren Titel verteidigen sollen. Derzeit rangiert das Duo in der Tabelle auf Platz zwei und erfüllt somit nicht die Qualifikationskriterien. Berger/Hrdlicka stehen in einer langen Reihe von erfolgreichen Kunstradballesterern. Den Durchbruch schafften die tschechischen Kunstradfahrer 1948, als das Duo Dane/Sedlácek vor heimischem Publikum erstmals den WM-Titel holte. Der nächste große internationale Erfolg ließ 17 Jahre auf sich warten - dann allerdings betraten die beiden Brüder Jan und Jindrich Pospíil die Bühne und begründeten eine Ära. Binnen eines Vierteljahrhunderts holten sie 20-mal den Weltmeistertitel, den letzten davon 1988.

Die staatlichen Zuwendungen für die Sportverbände wurden in den 90er-Jahren knapp, die Sponsoren aus dem Bereich der Privatwirtschaft konzentrierten sich auf attraktivere Felder als Kunstradfahren. Trotzdem gehören die tschechischen Radballer immer noch zur sechs Länder zählenden Weltgruppe, der Elite. Auch wenn sie diese nicht mehr so dominieren wie einst die Gebrüder Pospíil. In den 90ern, sagt Petr Hambalek, seien die Unterschiede innerhalb der Weltgruppe verschwunden, sodass es heute keine Favoriten mehr gebe. So zählen mit Abstrichen auch die Schweizer und die Österreicher (vor allem die Vorarlberger) zur Weltklasse.

Um die Erfolgstradition fortsetzen zu können, wünscht sich Verbandschef Hambalek vor allem verbesserte Trainingsbedingungen: "In Deutschland gibt es an die 17.000 Fahrer, die nicht nur auf eine funktionierende Infrastruktur, sondern auch auf eine kontinuierliche Jugendarbeit bauen können. So etwas hätten wir auch gern." (Robert Schuster - DER STANDARD 17./18.4. 2004)

TSCHECHIEN

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Größe/Einwohner
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78 866 km², 10,265 Mio
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Populärste Sportarten
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Fußball, Eishockey, Basketball
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Populärste Sportler
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Pavel Nedved (Fußball), Martin Koukal (Langlauf) Milan Hejduk (Eishockeyspieler) Roman ebrle (Zehnkampf)
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Größte Erfolge
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Fußball-EM-Finalist 1996, Olympia Atlanta 1996: Dreimal Gold im Kanufahren, einmal Gold im Speerwurf; Sydney 2000: Je einmal Gold im Speerwurf und im Kanusport Winterspiele Nagano 1998: Gold im Eishockey, Salt Lake City 2002: Gold im akrobatischen Skifahren

  • Der amtierende Radball-Weltmeister Miroslav Berger (re) bei der Arbeit
    foto: löhmann

    Der amtierende Radball-Weltmeister Miroslav Berger (re) bei der Arbeit

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