RTL mit "Fear Factor": Schlangen, Schleim und Schafsaugen

20. April 2004, 10:38
posten

Ab Donnerstag setzt RTL nur eine lange Tradition kulinarischer oder akrobatischer Einlagen fort - durchaus auch im ORF

Die Geschichte des Fernsehens ist eine Geschichte geschmackvoller Showideen. Donnerstag setzt RTL mit "Fear Factor" nur eine lange Tradition kulinarischer oder akrobatischer Einlagen fort - durchaus auch im ORF.

***

Waren Sie diese Woche in Mailand? Dann hätten Sie einem Mann begegnen können, der ein Fernsehgerät an seinem Ohr befestigt hatte und derart durch die Stadt zog (siehe dazu: Bizarrer Protest).

Ausnahmsweise war das keine besonders absurde Herausforderung in einer TV-Show. Mark McGowan wollte mit der Aktion nach eigenem Bekunden gegen die Medienmacht Silvio Berlusconis protestieren. Zuletzt rollte der 37-jährige Ire eine Erdnuss mit der Nase durch London bis in die Downing Street, um gegen höhere Uni-Gebühren, nun ja, ein Zeichen zu setzen.

Mit seinem Hang zum Bizarren passte McGowan natürlich auch gut ins Fernsehen, das ab kommender Woche wieder mit besonderen Herausforderungen an Geschmack und Kandidaten aufwartet: Donnerstag startet in RTL "Fear Factor", wo Schafs-augen serviert werden und Kandidaten gefesselt in einen Sarg mit Spinnen gelegt. Ein Höhepunkt des so genannten Ekelfernsehens? Höchstens ein weiterer. "Wir haben schon viel zu viel gesehen", leitete die Frankfurter Allgemeine eine Chronik der televisionären Grauslichkeiten ein.

Mit "Wünsch Dir was" in ZDF und ORF macht sie - 1969 - den Anfang: Kandidaten zupfen Münzen von einem Geldhaufen, auf dem eine Schlange liegt, oder werden mit ihrem Auto im Swimmingpool versenkt.

Die ebenfalls öffentlich-rechtliche ARD lässt 1986 bei <> einen so genannten "Vollstrecker" Gatten oder Chefs der Kandidaten ins Wasser oder in klebrige Flüssigkeiten werfen.

Im selben Jahr darf eine Kandidatin bei "Vier gegen Willi" in RTL durch eine Röhre über elf eingeölte, halbnackte Eishockeyspieler kriechen, das Familienauto kommt in die Schrottpresse (kehrt bei "TV total" wieder), das Eigenheim wird von kundigen Jugendlichen fachgerecht verwüstet.

1993 serviert RTL in der "100.000 Mark Show" marinierte Ratten, bittet in Schleimbäder und zu Schlangen oder Vogelspinnen.

Wiederum RTL lässt Kandidaten bei "Glücksritter" Dartpfeile auf einen mit Zielscheibe versehenen Fakirrücken werfen. Ebenfalls 1996 hält Sat.1 mit einer verschärften Variante der "Glücksspirale" dagegen: Frau mit Vogelphobie für eine halbe Stunde im Käfig mit Federvieh, eine Wanne voller Regenwürmer und dergleichen.

Geld winkt beim "Cashman" auf RTL 2 anno 1997, wenn man den Kopf in Kübel voll Ketchup taucht oder Griffbänder von Rolltreppen ableckt.

"Ihr seid wohl wahnsinnig" fragt zu Recht RTL im Jahr 2000 und verlangt von Kandidaten, auf die Tragfläche eines Doppeldeckers zu klettern oder einen See mit Krokodilen zu durchschwimmen.

Die stets verschärften Varianten von "Big Brother" bei RTL 2 seit 2000 sind ohnehin noch gut im Gedächtnis. Die Realitywelle schwappt bis zum Fastenspektakel "Big Diet" und "House of Love" mit einem Singlemann und fünf Frauen in einem Luxusappartement. Dazu passt auch gleich "Ich heirate einen Millionär" bei RTL und "Wer heiratet den Millionär" bei Sat.1 Anfang 2001. Nicht zu vergessen der "Bachelor", der Ende 2003 Seher von RTL und ORF wahlweise aufregt oder langweilt.

Pro Sieben schmeißt 2000 Ingo Appelt samt gleichnamiger Show aus dem Programm, weil er Gäste mit Puppen Fußball spielen lässt, die Kinder darstellen.

MTV überholt spätestens 2001 mit "Jackass", wo man lebende Fische verspeist und gleich wieder raufwürgt und dem Selbstzerstörungstrieb ausgiebig huldigt. Ende 2002 gesellt sich dazu eine Variante von "I bet you will". Passanten wird Geld für Grauslichkeiten geboten wie lebende Kakerlaken essen oder Eigenhaar in Butter. Das erinnert uns stark an die "Tom-Greene-Show", die auch der ORF schon zeigte. Und ließ er nicht auch in "Streetlive" schon Kandidaten einen Löffel voll Maden zu sich nehmen?

Mit leckerem Kleingetier wären wir auch schon bei "Ich bin ein Star - holt mich hier raus" erst vor wenigen Wochen in RTL.

Donnerstag setzt der Kölner Sender die Liste der "Stunts" und Leckereien mit ein paar Gustostücken fort. (Harald Fidler/DER STANDARD; Printausgabe, 17./18.4.2003)

Link

RTL

etat.at fragt nach

Werden Augen serviert bei RTL, Herr Richter? - Was Kandidaten für 25.000 Euro tun - Pressespecher Claus Richter über "Fear Factor" - Stunt-Show startet am 22. April

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.