Die Utopie der grünen Zone

30. September 2004, 15:15
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Wo Vielfalt bewusst gefördert wird, blüht ein kreativer Wettbewerb - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Knapp sieben Quadratkilometer ist sie groß: die Vision eines neuen Irak wird in der "grünen Zone" geprobt, wo 4000 US-Soldaten und die irakische Bevölkerung in Harmonie zusammenleben sollen. Sollen. Denn richtig funktioniert das Pilotprojekt nicht. Erst recht nicht außerhalb der drei Meter hohen Betonmauern: Zwar fühlen sich 41,8 Prozent der Iraker durch die US-Truppen befreit, aber auch 41,1 Prozent erniedrigt. Die schmerzhaften Folgen sind bekannt. Das Modell "grüne Zone" regt zum Nachdenken an: Gibt es nur ein global überlegenes System?

Die Vielfalt fördern: Wer mit der Brechstange versucht, ein System durchzusetzen, erzeugt Abstoßreaktionen und verliert die produktive Mannigfaltigkeit. Wo Vielfalt bewusst gefördert wird, blüht ein kreativer Wettbewerb. Sind zum Beispiel die Schweizer in Sachen Bildung Weltspitze, obwohl - oder gerade weil - in den 26 Kantonen 26 Schulsysteme koexistieren? Unterschiedlichkeit wird aktiv vorangetrieben, bei Einverständnis über Werte und Ziele.

"Multikultimentalität"

Auch wegen dieser "Multikultimentalität" hat der Merger von Ciba und Sandoz zu Novartis gut geklappt. Unsere moderne, westliche, kapitalistische Weltsicht ist weder das einzig sinnvolle noch sinnstiftende Modell, das der Welt übergestülpt werden muss. Nicht Vereinheitlichung, sondern kulturelle Gleichberechtigung wird zum zentralen Wert und "West-Toxification" - die Verwestlichung - als große Bedrohung empfunden.

Gerade jetzt sollten wir in Europa eine "Kultur der Kulturen" vorleben und das Ideal der Vielfalt in der Einheit zur- exportierbaren - Stärke erheben.

Adaptieren lernen

Das Adaptieren lernen: Laut dem Globalisierungsexperten Dominic Sachsenmaier "verdampfen regionale Unterschiede nicht in der Hitze des Marktes". Gott sei Dank. Lokale Anpassung ist die Erfolgsgrundlage zahlreicher Unternehmen und damit sind sie viel weiter als die Politik. McDonald's, die Ikone der Globalisierung, macht es vor: Die Produktpalette und das Marketing sind differenziert - keine Rindfleischprodukte in Indien und viel Huhn in China -, auch Arbeitsprozesse oder Beförderungskriterien unterscheiden sich deutlich in den Länderorganisationen. Genauso wie bei Siemens, Philips oder IBM. Die einheimischen Führungskräfte dieser Firmen vermitteln zwischen der globalen Struktur und den lokalen Kräften. Dies gelingt dort besser als innerhalb der internationalen Diplomatie. Von den Mechanismen eines globalen Unternehmens lässt sich viel für eine zukünftige Weltordnung lernen.

Die Einzigartigkeit suchen: Wer sich davon verabschiedet, eine öde Monokultur zu pflanzen, und sich der Umgebung anpasst, kann aus den vielfältigen spezifischen Lösungen mehrfach lernen und gewinnen. In der ewigen Suche nach Einmaligkeit wird die Welt zum Experimentierlabor und Anomalien zum wertvollen Fundus.

Lokale "Challenger"

So findet man gerade bei lokalen "Challengern" die Davids, die die Goliaths das Fürchten lehren - von denen sie aber auch letztlich lernen. So hat die italienische Barkultur Starbucks inspiriert und lokale Computergroßhändler Dell. Wer aber vor lauter Freude über sein Anderssein vergisst, sein Modell im Zeitablauf zu überdenken, der verfällt in Monokultur und Nachahmbarkeit und verliert den Wettbewerbsvorteil. 1957 veröffentlichte Leopold Kohr, austroamerikanischer Ökonom, sein Buch "Das Ende des Großen". Ein Plädoyer gegen den Kult des Kolossalen und ein Manifest für das "Menschengemäße". Knapp 50 Jahre später sind seine Einsichten aktueller denn je: Gesellschaften wie Unternehmen gedeihen dann am besten, wenn sie nicht versuchen, große, allgemein gültige Lösungen zu finden, sondern wenn sie menschengerechte Vielfalt fördern - dann bekommt die Utopie der grünen Zone auf der ganzen Welt eine reale Chance.

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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