Nur net zerschlagen!

27. April 2004, 17:44
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Was blieb von der TV-Konfrontation zwischen Ferrero-Waldner und Fischer? - Eine Kolumne von Günter Traxler

Etwas mehr als 1,4 Millionen Menschen haben die Konfrontation der beiden Präsidentschaftskandidaten im Fernsehen verfolgt, und obwohl der Diskussion vorher eine wahlentscheidende Wirkung zugesprochen wurde, ist bisher kein einziger Fall einer Spontanbekehrung bekannt geworden, es sei denn zum Moderator, der

zu einer Belebung der auslaufenden Wahlauseinandersetzung in knapp zwei Stunden mehr beigetragen hat als die Wahlstrategen in zwei Monaten. Bei der großen Mehrheit der Zuseher hat es sich ohne Zweifel um politisch Interessierte gehandelt, die sich ihrer Entscheidung längst sicher sind, und weniger um politische Abstinenten, die sich von der einmaligen Absolvierung einer televisionären Pflichtübung Erleuchtung erhofften. Dass sich an einem Abend die Zahl der Unentschlossenen, wie groß sie nun sein mag, gleich halbiert haben könnte, soll wohl dem ORF schmeicheln.

Gerade die politisch Interessierten unter den Zusehern werden aus der Diskussion dennoch Gewinn gezogen haben. Etwa aus Heinz Fischers Versprechen, er werde sich als Bundespräsident dafür einsetzen, dass nicht allein die Regierungsseite alle wichtigen Posten des Landes in Beschlag nimmt, sondern dass auf jene Balance der Macht Rücksicht genommen wird, die dem österreichischen Wesen entsprechen soll.

Abgesehen davon, dass die diesbezüglichen Möglichkeiten eines Staatsoberhauptes relativ gering sind, würde unter gegenwärtigen Umständen die Dringlichkeit eines solchen Einsatzes gerade mit der Wahl eines Sozialdemokraten zum Bundespräsidenten deutlich abnehmen. Es handelt sich dabei um die Modifikation des Slogans, mit dem schon Thomas Klestil an Wolfgang Schüssel scheiterte: Macht braucht Kontrolle.

Gewinn zu ziehen war auch aus der Passage, in der der Moderator die ÖVP- Kandidatin mit der Ansicht konfrontierte, sie sei eine Marionette Schüssels. In der sogleich einsetzenden Distanzierung konnte sich Heinz Fischer kavaliersmäßig profilieren, Frau Ferreros Dementi kam später – ihr fiel vermutlich sofort ein, als was sie an allerhöchster und daher absolut glaubwürdiger Stelle gilt. Es war der Bundeskanzler, der sie seinerzeit ausdrücklich und wörtlich als sein "Alter Ego" präsentierte, und im Vergleich zu einer solchen Verschmelzung der Seelen darf eine Marionette geradezu als eigenständige Persönlichkeit gelten. Eine solche hätte schon diese Unio mystica zurückgewiesen, Frau Ferrero war noch stolz darauf, und ist es – undementiert – bis heute.

Dagegen ist natürlich gar nichts einzuwenden, wenn es von Herzen kommt. Und wenn es sich nicht um eine Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten handelt. Was an der noch auffiel, weil bei solchen Diskussionen sonst Gegenteiliges der Fall ist: Stets war sie mit ihrer Redezeit im Rückstand. Aber nicht, weil ihr Gegenüber sie nicht zu Wort kommen ließ, oder der Moderator ihr es nicht ausreichend erteilte. Sie spulte vielmehr ihre eingelernten Sätzchen zum jeweiligen Themenkomplex herunter, und wenn sie damit fertig war, war sie auch mit ihrer Weisheit am Ende. Ohne es zu wollen, hat sie damit erklärt, warum es nur zu einer einzigen Konfrontation kommen durfte. Wenn nun getrommelt wird, in dieser einen wäre sie viel besser gewesen als erwartet, mag das stimmen, Qualifikation für die Hofburg ist es kaum.

Der humanistische Ansatz, ihre argumentative Enthaltsamkeit zu begründen – Diskussion kommt von lateinisch discutere, und das heißt zerschlagen – war der einzig wirklich originelle Beitrag dieses Abends. Er kommt zwar jedem zeitgemäßen Begriff von demokratischer Kultur ins Gehege, dafür enthüllt er die Gesinnung, von der sich eine Regierung treiben lässt, in der sich die ÖVP-Kandidatin gut eingebettet weiß. Darin steckt eine wertvolle Information für Wähler: In Frau Benitas "Kompetenzzentrum Hofburg" dürften die Kompetenten Anweisungen entgegennehmen. Zerschlagen wird nichts! (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18. 4. 2004)

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