Der bewegte Sessel

26. April 2004, 17:27
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Die Artenvielfalt in Sachen Sessel scheint schier unendlich. Dass das Entwerfen von Sitzmöbeln aber durchaus Zukunft hat, erklären die Höhenflieger von Eoos-Design

Es gibt Menschen, die behaupten, heutzutage sei alles überdesignt. Es gibt auch Zeitgenossen, die sagen, der Sessel als Objekt sei überhaupt totdesignt, schließlich bevölkert eine unschätzbare Zahl an Modellen Stadt und Land. "Nein", sagen dazu die Designer der Truppe Eoos, Martin Bergmann, Gernot Bohmann und Harald Gründl. Die meinen, zuerst mal ganz grob formuliert, dass sich der Sessel - sozusagen mit der allgemeinen Entwicklung - bewegt. Die drei müssten es wissen, sind sie nicht nur einer der erfolgreichsten und umtriebigsten österreichischen Designexporte, sondern auch Entwickler von circa 40 Sesseln und für ihren Stuhl "Sweet Wood" mit dem Adolf-Loos-Staatspreis 2003 ausgezeichnet worden.

"Sitzen hat definitiv Zukunft", meint Martin Bergmann, "es geht uns auch auf diesem Feld um Rituale und Szenarien in vielen neuen Kategorien. Die Techniken ändern sich, die Bedürfnisse, die Menschen. Wir schleppen ja alle einen archaischen Erfahrungsschatz mit uns herum, den es mit Entwicklungen zu verknüpfen gilt. Menschen können auch heute wie vor Tausenden Jahren auf einem Baumstrunk sitzen. Hinzugekommen ist aber zum Beispiel, dass sie vielleicht einen Laptop dabeihaben. Dadurch verändern sich Bedürfnisse."

Veränderung ist Bewegung. Nie still zu stehen ist Teil der Philosophie von Eoos, die für Kunden von Alessi bis Armani und Adidas entwerfen. Dynamik heißt ihre Verbündete, wobei ihre Interpretation dieses Begriffes nichts mit Geschwindigkeit zu tun haben muss. Eoos forschen und lassen forschen. Immer. Das gängige Bild der Ergonomie zum Beispiel ist den "poetischen Analytikern" zu starr. Es beziehe sich, so Gernot Bohmann, zu sehr auf statische Menschen. Menschen aber bewegen sich. So knöpft sich das firmeneigene Forschungs- und Entwicklungslabor, die "kreative Batterie" des Unternehmens, zum Beispiel Arbeitsabläufe vor, baut Alltagssituationen nach, misst sie aus und ab.

Im Falle ihres preisgekrönten, von Montina produzierten Sessels "Sweet Wood" wollten sie weniger dem Objekt als dem Sitzen selbst Form beibringen. Etwas Neuartiges schwebte ihnen vor. Die Idee keimte schließlich, als ihnen auffiel, wie bequem ein paar alte Sessel in ihrem Büro waren, die allmählich aus dem Leim gingen. Dadurch wurde das Sitzen "weicher". Und da die wenigsten Menschen hart sitzen wollen, sollte das neue Stück mit einer permanenten Mikrobewegung umgehen können. Formal schufen die drei mit Studio im 18. Wiener Bezirk den einzigen Holzzargensessel mit elastischer Lehne, eben "Sweet Wood", der sich, wie die Truppe es formuliert, "wie ein Baum im Wind bewegen soll".

Die Tüftelei konzentrierte sich anfangs auf das Zerbrechen von Holzleisten. Ein Jahr lang ließen es die Designer krachen, ehe nach allerlei Umwegen eine Art Schlitz in der Lehne ihren Sessel weich machte. Durch diesen Einschnitt gewährleistet er eine völlig natürliche und erstaunliche Flexibilität. Heute gibt es das Stück mit dem Zeug zum Klassiker in Esche, Eiche, Ahorn, einer Menge Beiztönen, stapelbar, nicht stapelbar.

Aus der Idee wurde eine ganze Familie von Möbeln, die wie andere Eoos-Stücke auch Szenarien schaffen sollen. Ihre Möbel sollen den Benützern Werkzeuge sein, wobei ihnen Sessel besonders am Herzen liegen, sind sie doch mit ihren Benützern viel enger verbunden als Tische. Im Falle ihres Konferenzstuhls "Filo" für den US-Hersteller Keilhauer konzentrierten sich die Gestalter auf den Begriff "Konzentration", denn der schien ihnen das Hauptmerkmal im Zusammenhang mit einer Konferenzsituation zu sein. Der nächste Gedanke war ein Bogenschütze. Und der kam dann auch höchstpersönlich und gab ein paar scharfe Schüsse am Dach des Eoos-Ateliers zum Besten. "Man kann sich gar nicht vorstellen, was da abgeht. Wir hatten uns das alles viel simpler vorgestellt, aber das Objekt, ein ganz einfacher Bogen, der Atem des Schützen, der ganz eigenartige Geräusche erzeugt, das Schließen der Augen vor dem Schuss. All das hat uns unheimlich beeindruckt und zu einer Lehne inspiriert, die ähnlich wie der Bogen funktioniert. Es war uns auch sehr wichtig, dass, wiederum wie beim Bogen, keine Mechanik sichtbar wird. Da ist ,Filo' in gewisser Weise auch dem ,Sweet Wood' ähnlich", so Martin Bergmann.

Beim Gedanken an die Zukunft des Sessels geraten die Designer ein wenig ins Stocken. Doch ihre Objekte "Kube" für Mateograssi oder das Research-Projekt "Bird" könnten einen Weg weisen. Bei beiden Entwürfen handelt es sich um abstrakte Formen, die den Sessel vom Menschen und der Ergonomie befreien sollen. Erst durch die Benützung von "Bird" wird das Stück zum dynamischen Sitzmöbel, zuvor erscheint er als eine Art Flügel im Raum. Im Vordergrund steht eine Identitätsänderung des Objekts.

Das Sitzsystem "Kube" beruht auf archaischen Merkmalen einer antiken Arena, verknüpft mit modernen technologischen Bedürfnissen samt elektronischen Vorrichtungen. Die Sitzreihen "Kube" für Mateograssi wollen Eoos als "fliegende Wände", als Teil der Architektur verstanden haben, ganz ohne sichtbare menschliche Abdrücke. Die Armlehnen klappen synchron mit dem Sitz heraus.

Gernot Bohmann, der Eoos 1995 gemeinsam mit seinen beiden Kollegen gründete, meinte einmal: "Design wird oft als die Lehre von den Gegenständen missverstanden. Eigentlich ist Design die Lehre vom Menschen. Und bei uns steht immer der Mensch im Mittelpunkt der Arbeit. So wachsen selbst die banalsten Gegenstände über ihre Alltäglichkeit hinaus." In diesem Sinne dürfte der Sessel offensichtlich noch über ganz erstaunliches Entwicklungspotenzial verfügen. (DERSTANDARD/rondo/Michael Hausenblas/16/04/04)

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    foto: eoos/montina matreograssi/paul prader
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