Lässig ist uncool (III)

18. April 2004, 20:03
2 Postings
Bevor wir uns ganz dem packenden Wahlkampf verschreiben, sei noch eine beliebte Formulierung erwähnt, die alles über den Zustand aussagt, in dem wir die jüngere Generation nur deshalb nicht antreffen, weil wir ja nie dabei sein dürfen. Das Wort heißt: "abhängen". Es leitet sich vom "Herumhängen" der 90er-Jahre ab und zeigt schön die Entwicklung: Vom vielen Herumhängen wurden die Kids so müde, dass sie einmal ordentlich abhängen mussten - einmal wöchentlich, meistens Samstagnacht. Am Sonntag hängen sie dann wieder herum.

"Abhängen" eignet sich gut als Antwort auf eine heillos naive Frage, die sich Generationen von Eltern einfach nicht abgewöhnen können: "Wenn ihr in dieses Lokal geht, was macht's ihr da immer bis zwei (drei, vier) Uhr in der Früh?" Sollen sie sagen: Bier trinken, tanzen, schmusen? Nein, sie sagen: "Abhängen." Wohl auch deshalb, weil sie tatsächlich weder tanzen noch schmusen, sondern abhängen - und Bier trinken.

"Abhängen" muss man sich als eine Art Coolness auf höchstem Niveau vorstellen, als endgültige Überwindung der Lässigkeit. Schade nur um die Zeit: Wir Ewiggestrigen hätten stattdessen wenigstens ein bisschen geflirtet. (DER STANDARD, Printausgabe vom 16.4.2004)

  • Artikelbild
Share if you care.