Uni-Unmut: Das "System" ist schuld?

16. April 2004, 23:04
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Vom seltsamen Umgang mit angehenden Doktoren an der Universität Graz - Kommentar der anderen von Werner Raichmann

Eines ist klar: Wer sich dem ebenso zeitgeistigen wie widerwärtigen Zwang der "Anwendung" von Forschung nicht rückhaltlos hingibt und trotzdem Wissenschafter werden möchte, der muss entweder ein Mensch von Vermögen sein, einer mit zumindest semiaristokratischem Hintergrund - oder aber er ist ein armer Schlucker, der sich mit dummen und unterbezahlten (wie heißt es so schön: "geringfügigen") Jobs seine Wissenschafterexistenz zu sichern sucht. Der Grazer Ordinarius für Soziologie, Karl Acham hat es im STANDARD vom 8. April dankenswerterweise klar gesagt: "Ausgezeichnete Leute auf Ebene der Dissertanten, aber auch Diplomanden haben keine Chance, im System integriert zu werden."

Doch damit nicht genug: Wer sich den Luxus eines Dissertationsstudiums leisten will, dem werden nicht nur finanzielle Hürden in den Weg gelegt! Ein aktuelles Beispiel: An der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Grazer Universität existiert derzeit ein Doktoratsstudienplan, der für alle Absolventinnen und Absolventen der Fächer BWL, VWL, Wirtschaftspädagogik und Soziologie gilt. Das ist gut so, denn Transdisziplinarität und Offenheit gegenüber den Erkenntnismethoden eng verwandter Disziplinen sind durchaus erwünschte Prinzipien, die sich nicht erst in ferner Zukunft in den Wissenschaften durchsetzen werden. Ein paar Universitätsbürokraten unterminieren allerdings alle guten Vorsätze:

Absolventinnen und Absolventen des Studienfaches Soziologie werden plötzlich nicht mehr zum Doktoratsstudium zugelassen, wenn sie nicht eine willkürlich festgesetzte Anzahl an Stunden in ebenso willkürlich festgelegten "Wirtschaftsfächern" absolvieren. Und das, obwohl es bereits eine ganze Reihe von Studierenden gibt, die das Diplomstudium nach demselben Studienplan abgeschlossen haben und natürlich wie bisher ohne Auflagen zugelassen wurden.

Überalterung Somit werden promotionswillige Menschen, die exakt denselben Abschluss haben, im Doktoratstudienplan völlig unterschiedlich behandelt, was schon allein aus rechtlicher Sicht bedenklich ist.

Zudem wird jungen Wissenschafterinnen und Wissenschaftern damit das Vorwärtskommen im Doktoratsstudium erheblich erschwert und zeitlich verzögert, was die oben beschriebenen ökonomischen Probleme potenziert. Auch Interventionen vom zuständigen Vizerektor und wohlgemeintes Nachfragen durch die ebenso verwunderte Studienabteilung änderten zumindest bis zum heutigen Zeitpunkt nichts an diesen und anderen Seltsamkeiten.

Gerne macht man für viele Missstände an den Unis abwechselnd das Ministerium, das UOG 2002 oder (wie es vornehmlich die ÖH mit gewohnter Inkompetenz tut) überhaupt "das System" verantwortlich. Dabei vergisst man nur zu oft, dass sich der Dreck vor der eigenen Tür schon zu hoch angehäuft hat, um darüber zu sehen.

Offenheit und Gesprächsbereitschaft sind die Hürden die man nehmen müsste, um viele Probleme an den Universitäten zu lösen. An der Grazer Sowi-Fakultät zumindest scheinen diese zu hoch sein. Dass das auch mit der von Professor Acham im oben bereits erwähnten Artikel als "desolat" bezeichneten Altersstruktur an den Unis zu tun hat, darf angenommen werden.

*W

Werner Raichmann ist wissenschaftlicher Mitarbei- ter an einem FWF-Projekt am Institut für Soziologie der Gra- zer Universität und Doktorand.
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