Der Untergang des Zionismus

27. April 2004, 17:45
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Anmerkungen Abraham Burgs zur Lage Israels - Ein Kommentar der anderen

Auszüge aus einem bereits im vergangenen Herbst international vielfach publizierten Text von Abraham Burg, den wir aus aktuellem Anlass zur Diskussion stellen.

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Die zionistische Revolution ruhte immer auf zwei Säulen: Auf einem gerechten Weg und einer ethischen Führung. Keiner dieser Faktoren ist noch in Kraft, basiert die israelische Nation heute doch auf einem System von Korruption, Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Das Ende des zionistischen Werks ist denn auch schon in Sicht. Es bestehen echte Aussichten darauf, dass unsere Generation die letzte zionistische sein wird. Ein jüdischer Staat mag weiter bestehen, doch wird er anderer Natur sein, fremd und hässlich.

Noch ist Zeit, den Gang der Dinge zu ändern, aber nicht mehr viel. Wir brauchen eine neue Vision von einer gerechten Gesellschaft und den politischen Willen, sie in die Tat umzusetzen. Das ist keine ausschließlich innerisraelische Angelegenheit. Diasporajuden, für die Israel eine zentrale Säule ihrer Identität ist, müssen sich zu Worte melden. Bricht nämlich die Säule ein, folgen die oberen Stockwerke unweigerlich nach.

Es stimmt, wir haben die hebräische Sprache wieder belebt, ein wunderbares Theater und eine starke nationale Währung geschaffen. Unsere jüdischen Köpfe denken scharf wie eh und je. Unsere Aktien sind an der Nasdaq kotiert. Sind das aber die Gründe, weshalb wir einen Staat gegründet haben?

Das jüdische Volk hat nicht zwei Jahrtausende überlebt, um federführend in der Rüstungsindustrie, bei Sicherheitsprogrammen für Computer oder der Entwicklung von Antiraketen-Raketen zu sein. Wir hätten ein Licht für die Nationen sein sollen, doch da haben wir versagt.

Jüdischer Rassismus ...

Es stellt sich heraus, dass der 2000 Jahre lange Kampf um jüdisches Überleben zu nichts mehr geführt hat als zu einem Staat von Siedlern, an dessen Spitze eine Clique amoralischer Gesetzesbrecher steht, die sowohl ihren Bürgern als auch ihren Feinden ein taubes Ohr zuwenden. Wenn die Kinder ehrlich sind, können sie die Frage, wo sie in 25 Jahren leben werden, zum Schock ihrer Eltern nicht beantworten. Der Count-down für das Ende der israelischen Gesellschaft hat begonnen.

Zionist in Westbanksiedlungen wie Bet El oder Ofra mit ihrer lieblichen biblischen Landschaft zu sein, ist sehr angenehm. Von den Fenstern blickt man auf Geranien und Sonnenblumen und muss die Besetzung nicht sehen. Wer in knapp zwölf Minuten auf der Schnellstraße von Ramot in Nordjerusalem nach Gilo im Süden fährt, kann sich kaum eine Vorstellung machen von der demütigenden Erfahrung der Araber, die stundenlang auf denen ihnen zugeteilten blockierten und aufgerissenen Straßen kriechen müssen. Eine Straße für den Besetzer, eine für den Besetzten - das kann nicht funktionieren ...

Wäre all das unausweichlich, von Gott befohlen und nicht zu ändern, würde ich schweigen. Die Dinge könnten aber anders sein, und der Aufschrei ist eine moralische Notwendigkeit. Das müsste der Premierminister dem Volk sagen: Die Zeit der Illusionen ist vorbei. Wir lieben das ganze Land unserer Vorväter, und in einer anderen Zeit hätten wir hier gerne alleine gelebt. Das wird aber nicht geschehen. Auch die Araber haben nämlich Träume und Bedürfnisse. Zwischen dem Jordanfluss und dem Mittelmeer gibt es keine klare jüdische Mehrheit mehr, weshalb es, liebe Bürger, nicht möglich ist, das ganze Gebiet zu behalten, ohne einen Preis zu bezahlen.

Wir können keine palästinensische Mehrheit unter einem israelischen Stiefel festhalten und uns gleichzeitig für die einzige Demokratie im Nahen Osten halten. Eine Demokratie ohne Gleichberechtigung für alle seine Einwohner, Araber wie Juden, ist undenkbar. Mit humanen, moralischen und jüdischen Mitteln können wir nicht an den Gebieten festhalten und gleichzeitig im einzigen jüdischen Staat der Welt eine jüdische Mehrheit bewahren.

Möchten Sie ein Großisrael? Kein Problem. Verzichten Sie nur auf die Demokratie. Richten wir ein effizientes System der Rassentrennung ein mit Gefangenenlagern und Internierungsdörfern. Ghetto Kalkilya und Gulag Jenin.

... oder Demokratie?

Möchten Sie eine jüdische Mehrheit? Kein Problem. Verladen Sie die Araber entweder in Eisenbahnwagen, auf Autobusse, Kamel- oder Eselsrücken und deportieren Sie sie massenweise. Oder dann trennen wir uns von ihnen, absolut und ohne Tricks und Mätzchen. Einen Mittelweg gibt es nicht.

Wir müssen alle Siedlungen räumen - alle - und eine international anerkannte Grenze zwischen dem jüdischen und dem palästinensischen Nationalheim ziehen. Das jüdische Rückkehrergesetz wird nur innerhalb unseres Heimes gelten, deren Rückkehrrecht nur in den Grenze des Palästinenserstaates.

Das sollte der Premier dem Volk sagen und dabei die Alternativen klar auf den Tisch legen: Jüdischer Rassismus oder Demokratie. Siedlungen oder Hoffnungen für beide Völker. In Jerusalem gibt es aber keinen Premier. Die Seuche, die am Körper des Zionismus frisst, hat auch schon den Kopf angegriffen. David Ben Gurion irrte zwar manchmal, blieb dabei aber geradlinig wie ein Pfeil. Als Menachem Begin falsch entschied, zog niemand seine Motive in Zweifel. Das alles gilt nicht mehr.

Israels derzeitiger Regierungschef verkörpert in anderen Worten also beide Hälften des Fluchs: Fragwürdige persönliche Moral und offene Missachtung des Gesetzes, kombiniert mit der Brutalität der Besetzung und dem Niedertrampeln jeder Chance für einen Frieden. Das ist unsere Nation, das sind ihre Anführer. Die unausweichliche Schlussfolgerung: Die Zionistische Revolution ist tot. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.4.2004)



Der Autor ist ehemaliger Knessetsprecher und Abgeordneter der Israelischen Arbeitspartei.
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    Die Grenze zwischen Brutalität und Obszönität ist fließend: Models einer israelischen Bekleidungsfirma beim Fotoshooting an der Trennungsmauer in Ostjerusalem

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