Kommentar der anderen: Wie man ein Problem skandalisiert, . . .

29. April 2004, 15:33
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statt es einer Lösung zuzuführen: Der Tod einer Dialysepatientin im AKH hatte massive Angriffe gegen Pittermann ausgelöst

Der Tod einer Dialysepatientin im AKH hatte massive Angriffe gegen Stadträtin Pittermann ausgelöst, die ihrerseits den Kritikern - insbesondere dem Nierenspezialisten Thomas Meisl nach einem an dieser Stelle publizierten Kommentar (3. 4.) - vorwarf, eine "hasserfüllte Kampagne" zu führen.

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In Wien stirbt spätabends ein schwer kranker Mensch am Ende einer Blutwäsche, offensichtlich als Folge eines Behandlungsfehlers. Rein statistisch gesehen stirbt bei etwa 100.000 Dialysen ein Mensch - so bedauerlich das auch ist.

Obwohl dies allgemein bekannt ist, wird daraus sofort ein so genannter Skandal produziert. Die in den Abendstunden Tätigen wollen plötzlich um diese Zeit nicht mehr dialysieren, weil dies so gefährlich sei. Dabei wird übersehen, dass das für diese Dialyseschicht eingeteilte Personal erst am Abend den Dienst angetreten hat und um 23 Uhr keineswegs so übermüdet sein kann, dass Fehler vorprogrammiert wären. - Ich will auch hoffen, dass jene Piloten, die mich in der Nacht von New York nach Wien fliegen, genau die gleiche Sorgfalt anwenden, wie jene, die mich untertags hingeflogen haben. Trotzdem muss eine Dialyse nach Mitternacht nur Notfällen vorbehalten bleiben.

Ein selbst ernannter Experte startet unter dem Vorwand, er müsste für die Patienten kämpfen, einen Rachefeldzug gegen die politisch Zuständigen in Wien. Es wird dabei übersehen, dass es sich dabei um einen schwerst frustrierten und narzisstisch gekränkten Arzt handelt, der die angestrebte Primararztposition deswegen nicht erhalten hat, weil es eben für diese Stelle viel besser qualifizierte Bewerber gegeben hat und einer davon zu Recht ausgewählt wurde.

Unsinniges System . . .

Natürlich kann in einem solchen Fall die politische Opposition nicht schweigen. Auf die politisch Verantwortlichen ergießt sich ein wahres Trommelfeuer von Rücktrittsforderungen, Anschuldigungen der Fahrlässigkeit, Ahnungslosigkeit und vieles mehr. In der Aufgeregtheit denkt aber niemand wirklich darüber nach, wie man dem ganzen Problem der Dialyse begegnen könnte.

Tatsächlich gibt es im Osten Österreichs einen Mangel an Dialyseplätzen. Dies hängt damit zusammen, dass die Menschen im Osten Österreichs eine schlechtere Lebensführung haben, kränker sind, und es daher auch hier mehr dialysepflichtige Menschen gibt. Während im Westen Österreichs pro Million Einwohner etwa 290 Patienten eine Blutwäsche benötigen, beträgt die gleiche Zahl im Osten Österreichs 340 Patienten.

. . . der Finanzierung

Das bedeutet zwangsläufig, dass die Kosten für das Gesundheitswesen im Osten Österreichs höher sind als im Westen, welcher Umstand den derzeit wacker die Wiener Gebietskrankenkasse Prüfenden ins Stammbuch geschrieben werden sollte. Tatsächlich sollte die Wiener Gebietskrankenkasse im Sinne der Risikoabdeckung höhere Beiträge als die Vorarlberger Kasse verlangen dürfen, um die vermehrten Bedürfnisse der Ostösterreicher abdecken zu können. In Wien und seinen Umlandgemeinden sind daher bei einer Einwohnerzahl von rund zwei Millionen etwa 130 Dialyseplätze für 650 Patienten notwendig. Diese können nur unter größten Anstrengungen, wenn überhaupt, von der Stadt Wien zur Verfügung gestellt werden. Trotzdem wird lautstark der weitere Ausbau von Dialysestationen in den Wiener städtischen Krankenanstalten gefordert.

Dabei wird völlig übersehen, dass es eine viel kostengünstigere Struktur gibt. Bei den etwas mehr als 600 dia- lysepflichtigen Menschen in Wien handelt es sich bei der Hälfte der Patienten um unkomplizierte Fälle, während die andere Hälfte aus schwer kranken, so genannten multimorbiden, Patienten besteht.

Während die erste Gruppe viel kostengünstiger in ambulanten ausgelagerten Dialysestationen behandelt werden könnte, benötigt die zweite Gruppe unbedingt die Möglichkeiten eines Schwerpunktspitals mit all seinen Vorhaltekosten (= Aufwendungen für die Bereitstellung aller Einrichtungen 24 Stunden lang). Für die leichtere Gruppe würde es völlig genügen, in ambulanten, möglicherweise privaten Dialysezentren, mit einer Betriebszeit von 8 Uhr früh bis 20 Uhr abends diese Patienten deutlich kostengünstiger zu versorgen.

Auslagerungen

Beispiele in Deutschland zeigen, dass die ambulante Dialyse pro Woche etwa 650 Euro, die stationäre Dialyse infolge der viel größeren Vorhaltekosten etwa 1000 Euro kostet. Das heißt, man würde sich bei jedem ausgelagerten Patienten pro Woche etwa 350 Euro ersparen. Wenn man berücksichtigt, dass in Österreich nur in den westlichen Bundesländern und in der Steiermark eine substanzielle Auslagerung von Patienten aus den Spitälern in ambulante Dialysezentren erfolgt, bedeutet dies einen Einsparungseffekt von zumindest zehn Millionen Euro pro Jahr, mit welcher Summe man sicher noch etliche Jahre den durch das Älterwerden bedingten höheren Bedarf an Dialyseplätzen abdecken könnte, ohne einen einzigen Euro mehr auszugeben.

Mehr Leistung bedeutet auch mehr Einkommen

Es erhebt sich natürlich die Frage, warum dies nicht alles schon längst geschehen ist. Es würde nämlich neben dem unbestreitbaren Vorteil für die Patienten keineswegs am Personalmangel scheitern. Ich bin sicher, dass viele der jetzt im stationären Bereich Tätigen sich eilends den neuen ausgelagerten Dialysezentren anschließen würden, und dass jene, die jetzt gegen eine Spätschicht polemisieren, im niedergelassenen Bereich freudig danach verlangen würden, denn mehr Leistung bedeutet dort auch mehr Einkommen. Und wer ist schon ein Feind seiner Brieftasche?

Selbstverständlich ist auch im niedergelassenen Bereich eine strenge Qualitätskontrolle notwendig, und sinnvollerweise müsste man auch eine Vernetzung der ambulanten Einrichtungen mit den Dialysestationen in den Spitälern vornehmen, welche dann deutlich verkleinert für schwere und komplizierte Fälle rund um die Uhr zur Verfügung stehen und dafür natürlich auch höher dotiert werden müssten. Die ganze Sache scheitert - zumindest vorläufig - am unsinnigen Finanzierungssystem des österreichischen Gesundheitswesens. Da die österreichischen Krankenkassen im stationären Bereich nur einen gedeckelten Beitrag leisten, unabhängig, welche Leistungen durch die Spitäler erbracht werden, aber 100 Prozent der Kosten im niedergelassenen Bereich bezahlen müssen, haben sie natürlich kein Interesse, ambulante Dialysestationen zu finanzieren.

Refundierung

Um dies zu erreichen, müsste ein entsprechender Betrag, nämlich jener, der für die ambulante Dialyse vorgesehen ist, aus dem Spitalfonds an die Krankenkassen refundiert werden. Dies blockieren wieder die Finanzreferenten der Länder, da ein Abfluss von Mitteln aus dem Spitalfonds hin zur Krankenkasse ein Betriebsabgang wäre und damit das virtuelle Defizit der Krankenhäuser steigern würde.

So versandet eine extrem vernünftige Lösung im Gestrüpp der österreichischen Realverfassung . . . (Ernst Wolner*, DER STANDARD Printausgabe 16.4.2004)

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    *Univ.-Prof. Dr. Ernst Wolner leitet die Klinische Abteilung für Herz- und Thoraxchirurgie im AKH der Stadt Wien und ist Vorsitzender des Obersten Sanitätsrates.

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