Den Oligarchen auf der Spur

21. April 2004, 15:38
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Neue Weltbankstudie über Russland

"Es ist absurd", so Christof Rühl, Weltbank-Chefökonom für Russland, bei der Präsentation des jüngsten Wirtschaftsmemorandums zu Russland: "Da haben wir das größte Land der Erde, und niemand weiß, wie stark die Wirtschaft konzentriert ist."

Schein und Sein sind zwei Pole, zwischen denen Politik und Gesellschaft in Russland wechseln. Die Wirtschaft nicht weniger. Wer real - und nicht nur formal - die Großunternehmen im Land besitzt, hat nun die Weltbank in einer Studie eruiert. Demnach lassen sich aus der Eigentümerstruktur von 1300 untersuchten Großfirmen 23 Unternehmer - die so genannten Oligarchen mit ihren finanzindustriellen Gruppen - herausfiltern. Allein in der Industrie kommen auf sie ein Sechstel der Beschäftigten und 35 Prozent des Absatzvolumens, während staatskontrollierte Unternehmen 25 Prozent und westliche Firmen fünf Prozent absetzen. Im Banksektor halten sie über zwei Drittel.

"Oligarchische" Unternehmen

Dem Befund gefährlicher Monopolisierungen fügt das Memorandum aber noch einen anderen hinzu, der an der gängigen Einschätzung rüttelt, die "oligarchischen" Unternehmen, die mit ihren vorwiegend exportorientierten Sektoren die meisten Investitionen realisieren, würden die wichtigsten Impulse zum Wandel liefern und die höchste Arbeitsproduktivität aufweisen. Wie Rühl schreibt, sind sie nur im Vergleich mit staatlich kontrollierten Unternehmen effizienter, gegenüber kleineren Privatbetrieben und besonders ausländischen Investoren steht ihre Produktivität zurück.

Rühl weist die Oligarchen als potenzielle Wirtschaftsbremsen aus, da sie zu verschwenderischem Umgang mit Ressourcen neigen und mit Absprachen den Wettbewerb gefährden können.

Wie also mit Oligarchen, mit denen sich Präsident Wladimir Putin bisher in der Person des Ölmagnaten Michail Chodorkowski angelegt hat, umgehen? Die Weltbankexperten raten Putin, der eine Verdoppelung des Bruttoinlandsproduktes binnen zehn Jahren verordnet hat, die Förderung von privaten Klein-und Mittelbetrieben und die Investition künftig neuer Steuern auf Energieexporte in die Verwaltungsreform, Infrastruktur und eine effizientere Bildungspolitik. Vor allem aber brauche es radikale Antimonopolmaßnahmen. Hätten diese zu Beginn des vorigen Jahrhunderts in den USA zum Erfolg geführt, so seien sie auch heute zur Maßregelung von Oligarchen geeignet. (Eduard Steiner aus Moskau, Der Standard, Printausgabe, 16.04.2004)

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