"Der Schlaf ist mein großes Erlebnis"

24. April 2004, 16:15
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Teil 22 von Ilse Aichingers Artikelserie "Schattenspiele"

Die Schatten spielen dort anders, die Nacht fällt anders ein. Schon früh auf den ersten Landkarten - Atlanten hatten wir noch keine - waren die hellen Flächen rechts außen oben die erste Verlockung. Nicht Rapallo, Livorno, Lignano, Brescia, die Ferienziele der Selbst- und Glücksbewussteren auf den Schulbänken neben uns, nicht Rom, wo der Papst saß wie das Negerlein an der Klosterpforte, das auch für Blechmünzen vom Vestibülboden zwischen Schule und Klausur dankbar nickte, nicht fort aus den Flächen ins Gebirge, sondern weit hinauf, wo die Nacht nicht endet oder wegbleibt, keine akuten Übergänge.

"Papierschiffe aus Bittschriften gefaltet, ... warten auf den Untergang der Bittsteller und abschließende Vermerke ... Wenn einer will, soll er Fotos in die Schaukästen hängen, Anekdoten erzählen oder welchen zuhören, ..." und "vor allem Gute Nacht. Ein entschlossener Clan, verharren wir mit unsern Igeln im zugespitzten Augenblick, drehen uns nicht mehr um, ... wir horchen nicht hin, sind auch taub, unser Ort ist im freien Fall." (Günter Eich)

Aber wie fällt einer, wo es kein Gefälle gibt, wo er als zu leicht befunden, den Kräften entkommt, dem Packeis, dem höllischen Feuer, den himmlischen Vergnügungen, dem Lutherischen Bekenntnis, dem helvetischen Bekenntnis, der Kontemplation von Kreuzzug, Todesangst, Geißelung, Verrat und Gottverlassenheit. Zur Zeit der schlimmsten Bedrohung im Zweiten Weltkrieg gab es in Wien (IX., Seegasse 9, soweit ich mich erinnere) einen Ort, fast könnte man sagen, eine Zweigniederlassung zur Bekehrung der Juden, die "Schwedische Mission", mit schwedischen und jüdischen Pastoren, Diakonissen - Pastor Hedenquist, Johannes Jelinek und dem Stern, fast Star darüber, Schwester Greta Andreen, von den Anbetern der Gruppe "Lillemor" genannt, kleine Mutter.

Sie wurde vergöttert, hatte das nur wenigen verdächtige Charisma, das oft Rädels- und Reiseführern gemeinsam ist, auch Pferdekutschern samt ihren stillen Pferden unter dem unausgebauten Turm der Wiener Stephanskirche oder vor dem Sacher und anderen unerschwinglichen Reiseunterkünften. Die Abende in der Seegasse waren "erschwinglich", man kam rasch und zu Fuß hin, und die Fremdheit der Gegend legte sich rasch, je näher man den Schweden und ihrer Mission kam.

"Der Schlaf ist mein großes Erlebnis." (Günter Eich)

Aber vor dem Schlaf und der Nacht kam das Treffen in der Seegasse, dreißig bis vierzig Dazugehörige, Jungen und Mädchen, das Brückenbauerlied: "Wir bauen zusammen, die Welt zu umspannen, Brücken von Mann zu Mann, die niemand trennen kann." Vorerst trennte sich niemand, sie redeten von ihrem protestantischen Seegassengott, seinem Schutz und seiner verlässlichen Führung, jedem Einzelnen auf seine Weise geschenkt.

Zuletzt: "Auf einer Fensterscheibe, aller et retour. Gute Andacht, grüß alle." (Günter Eich).

Die Andacht war gut, die feste Burg, unser Gott hielt noch stand. Kurz darauf verließen die Schweden die Stadt, samt ihren Pastoren, Diakonissen und Chorälen. Nur die Brücken blieben vorerst, wo sie waren: die Schwedenbrücke, die Marienbrücke, die Friedensbrücke. Auch die Gruppe blieb, aber ihre Quartiere, oft nahe dem ehemaligen Getto von Wien wurden täglich gefährdeter. Und es blieb, nachdem die Schweden sich davongemacht hatten, eine einzige Diakonissin und die Sucht nach dem Norden, seine Anziehung, seine Fernblicke.

Von der Gruppe in der Seegasse entkamen nur ganz wenige und die wenigsten nach Schweden. Auch ich blieb und überlebte - mit mir die nach Norden gerichteten Süchte, die in Berlin-Wilmersdorf ein Ziel gefunden haben, bei dem kleinen Enkelkind Anna, das eins seiner großen Ziele schon erreicht hat: Sie kann im Stehen schaukeln. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.4.2004)

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