"Historischer Erfolg" Sharons

16. April 2004, 17:34
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Während die israelischen Medien Sharon als Sieger feiern, sieht Korei "den Vorhang über den Friedensprozess fallen"

Als "historischen Erfolg" bewunderten die meisten israelischen Medien den Washington-Besuch von Premier Ariel Sharon, der von US-Präsident George Bush noch inniger umarmt worden war, als man es erwartet hatte. Der palästinensische Regierungschef Ahmed Korei sah zugleich zähneknirschend "den Vorhang über den Friedensprozess fallen".

Gleich nach seiner Heimkehr wollte sich Sharon in die Kampagne für die Urabstimmung stürzen, mit der die 200.000 Mitglieder der Likud-Partei am 2. Mai endgültig grünes Licht für den "einseitigen Rückzug" aus dem Gazastreifen geben soll. Sharon sieht wie der sichere Sieger aus: Einer Umfrage zufolge wollen 54 Prozent für seinen Plan stimmen und nur 39 dagegen.

Bush hatte überraschend deutliches Wohlwollen dafür gezeigt, dass Israel langfristig die größeren Siedlungsblöcke im Westjordanland behalten will. Auch vor der heiklen Frage des von den Palästinensern beanspruchten "Rückkehrrechts" schreckte Bush nicht zurück und empfahl, die Flüchtlinge in einem palästinensischen Staat "und nicht in Israel" anzusiedeln. Die Likud-Ministerin Zippi Livni etwa, die bis zuletzt noch zu den Unentschlossenen gezählt hatte, erklärte sofort nach dem Ende der Pressekonferenz in Washington, dass ihre Entscheidung gefallen sei: "Ja, ich werde den Plan unterstützen, und ich werde mich dafür einsetzen, dass er von den Parteimitgliedern akzeptiert wird."

Andere Zentralfiguren hatten es nicht so eilig - Außenminister Silvan Shalom etwa, der den Verzicht auf den Gazastreifen ohne Friedensabkommen für verkehrt hält, hüllte sich in Schweigen, und der einflussreiche Finanzminister Benjamin Netanyahu erinnerte daran, dass der "Sicherheitszaun" fertig gestellt werden müsste, ehe der Abzug beginnen könne. Die militanten Abzugsgegner ließen sich von Bush schon gar nicht überzeugen. Arie Eldad von der rechtsgerichteten "Nationalen Union" sprach von einem "Pyrrhus-Sieg" Sharons.

"Wir Palästinenser sind schockiert und sehr enttäuscht", sagte Korei auf der anderen Seite, "wir erklären unsere entschiedene Ablehnung der US-Position." Die USA hätten "die Akte der palästinensischen Flüchtlinge auf willkürliche Weise geschlossen" und "praktisch die Siedlungen und die Trennmauer legitimiert". US-Außenminister Colin Powell rief Korei an, um ihm zu erklären, dass die von Sharon versprochene Auflösung von Siedlungen wichtiger sei als alles, was dazu gesagt werde. In Ramallah suchte die Palästinenserführung in einer Krisensitzung nach einer Antwort auf die neue Situation, Korei dachte angeblich an Rücktritt. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.4.2004)

Von
Ben Segenreich aus Tel Aviv
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Blick auf Beton: Das Foto zeigt die umstrittene israelische Sicherheitssperre, die die Westbank und Ostjerusalem voneinander trennt.

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