Polen als neuer Agrar-Riese im Osten

11. Februar 2005, 15:39
posten

Agrarfläche so groß wie jene Deutschlands oder Italiens - Polen wird größter Subventionsempfänger in der EU - Volle Direktzahlungen erst 2013

Wien - Ein Drittel mehr Getreide und jeweils ein Viertel mehr Milch und Fleisch als bisher wird die EU offiziellen Schätzungen zufolge nach der Erweiterung produzieren. Die Ackerfläche wird um 45 Prozent größer sein. Mit seiner Landwirtschaft wird Polen zum größten Subventionsempfänger in der EU werden.

Für die Entwicklung des ländlichen Raumes in den zehn Beitrittsstaaten stellt die EU bis 2006 rund 5,8 Mrd. Euro zur Verfügung - die Hälfte dieser EU-Gelder wird nach Polen fließen. Mit diesem Geld können die neuen EU-Mitglieder ihre Betriebe modernisieren oder Umweltprogramme finanzieren. Der EU-Zuschuss für solche Projekte kann bis zu 80 Prozent betragen.

Direktbeihilfen

Für seine Bauern hatte Polen in den Beitrittsverhandlungen von Anfang an 40 Prozent der in der EU üblichen Direktbeihilfen zum Lebensunterhalt verlangt, konnte sich aber nicht durchsetzen. Jetzt bekommen sie zunächst 25 Prozent des EU-Durchschnitts - genauso viel, wie die vergleichsweise wohlhabenden Bauern in Deutschland und Frankreich erhalten - die volle Subventionshöhe wird erst 2013 erreicht ("Phasing In"). Diese Subventionen machen etwa zwei Drittel des Agrarbudgets der EU aus.

Polen will diese Benachteiligung gegenüber den alten EU-Mitgliedern aber nur bei den bereits bestehenden Förderungen akzeptieren. Für die Produzenten von Butter, Zucker, Milchpulver oder Tabak will Warschau die Gleichbehandlung notfalls vor dem Europäischen Gerichtshof durchsetzen. Agrarkommissar Franz Fischler zeigt sich allerdings auch angesichts dieser Drohung unnachgiebig.

Auf Agrarsubventionen nicht vorbereitet

Nach Ansicht der EU-Kommission sind viele der Beitrittsländer auf die Verwaltung und Verteilung der ihnen zustehenden Agrarsubventionen ohnehin nicht genügend vorbereitet. Sollten die entsprechenden Behörden mit der dazugehörigen Ausrüstung und qualifiziertem Personal nicht bis 1. Mai vorhanden sein, könnten die Subventionen nicht überwiesen werden, warnte Fischler vor wenigen Wochen. Das Problem bestehe vor allem in Polen, aber auch in mehreren anderen Beitrittsländern.

Polen besitzt etwa die gleiche landwirtschaftliche Nutzfläche (18,5 Mio. ha) wie Deutschland oder Italien (jeweils rund 17 Mio. ha). Mehr Agrarfläche haben nur Frankreich (rund 31 Mio. ha) und Spanien (30 Mio. ha). Gemessen an den in der Landwirtschaft Beschäftigten wird Polen das größte Agrarland in der Union werden. Von elf Mio. EU-Bauern werden zwei Mio. in Polen leben - wobei in dieser Zahl nur jene Menschen enthalten sind, die ihren Lebensunterhalt überwiegend in der Landwirtschaft verdienen. Den nackten Zahlen zufolge sind die Bauern in keinem anderen Land so unproduktiv wie in Polen: 20 Prozent der Erwerbstätigen erwirtschaften nur vier Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP).

Zwei Sphären

Die polnische Landwirtschaft ist jedoch in zwei Sphären gespalten: Fast 700.000 größere Betriebe produzieren mit relativ modernen Methoden auf guten Böden für den offiziellen Markt. Daneben gibt es aber auch rund 1,2 bis 1,5 Mio. Klein- und Kleinstbetriebe, die vor allem für den Eigenbedarf produzieren. Den Rest verkaufen sie direkt an lokale Endverbraucher, Verarbeitungsbetriebe oder den Agrarhandel.

Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) hat bereits davor gewarnt, im Rahmen des EU-Beitritts jegliche Produktion zu unterbinden, die nicht den in der EU geltenden veterinärmedizinischen und phytosanitären Normen sowie den EU-Produktstandards entspricht. Zwar würde sich die Anzahl der Klein- und Kleinstbetriebe dadurch abrupt verringern und die Erhöhung der durchschnittlichen Betriebsgröße wäre für den Agrarsektor positiv, aus gesamtwirtschaftlicher Sicht jedoch könnten solche massiven Eingriffe dem Land hohe Wohlfahrtsverluste bescheren und zu einer zusätzlichen Belastung des Staatsbudgets führen, so die WIIW-Experten.

Landwirtschaftsexporte nehmen zu

Für die Versorgung lokaler Märkte in kleinen Betrieben haben sich die bisher in Polen geltenden Standards als ausreichend erwiesen. Für größere Höfe und Verarbeitungsbetriebe, die für den internationalen Handel zugelassen sind, sollten die geltenden EU-Normen verbindlich sein. Kleine Betriebe, die nur für lokale Märkte produzieren, sollten aber nicht gezwungen werden, die auf industrielle Produktion ausgerichteten Normen zu erfüllen, rät das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW).

Im Landwirtschaftsministerium in Warschau geht man davon aus, dass die Lebensmittelexporte jährlich um mehr als 10 Prozent zunehmen werden. Bereits 2003 habe Polen seine Agrarexporte in die EU um 44 Prozent gesteigert und damit das Handelsbilanzdefizit von 290 Mio. Euro im Jahr 2002 in einen Überschuss von 205 Mio. Euro umgedreht. Polen hatte bisher regelmäßig mehr Nahrungsmittel aus der EU importiert als dorthin ausgeführt.

Exportschlager Milch und Geflügel

Mit einigen Produkten, die in Polen trotz gleicher Qualität viel billiger sind als in den alten EU-Ländern, könnten die polnischen Agrarproduzenten tatsächlich punkten. Ein Beispiel dafür ist Geflügel - das heurige Exportkontingent für die EU-Staaten wurde bis zum 6. Jänner bereits aufgebraucht. Polnische Geflügelproduzenten wie Drosed, Indykpol oder Roldrop bemühen sich bereits um Lieferverträge mit den großen Handelsketten in der EU.

Als Exportschlager könnten sich auch polnische Milchprodukte erweisen, vor allem Milchpulver, Butter und Käse. "Nach dem Beitritt können wir die Käselieferungen in die EU-15 verdoppeln. Käse mit gleicher Qualität ist in Polen um 30 Prozent billiger als in der Union", erklärte der stellvertretende Verbandschef der polnischen Milchproduzenten, Waldemar Bros, vor kurzem gegenüber der Tageszeitung "Rzeczpospolita".

Obst und Gemüse

Auch mit Obst und Gemüse dürfte Polen in der EU nach der Marktöffnung erfolgreich sein. Dennoch haben die polnischen Nahrungsmittelproduzenten noch einen weiten Weg vor sich: Derzeit verkauft Polen jährlich Lebensmittel im Wert von rund 4 Mrd. Euro in die EU - das kleine Belgien etwa exportiert fünfmal so viel.

Was die Produzenten freut, bereitet den Konsumenten in Polen aber große Sorgen. Ab 1. Juli 2004 wird auch Polen Teil des EU-Zuckermarktes. Dann können die polnischen Zuckerfabriken für eine Tonne Zucker 623 Euro verlangen. Das bedeutet, dass sich der Einzelhandelspreis auf bis zu 4 Zloty verdoppeln dürfte. Aus Angst vor dem bevorstehenden starken Preisanstieg haben die Menschen bereits begonnen, massiv Zucker zu horten. Im ganzen Land kam es bereits zu Lieferengpässen, in vielen Supermärkten bleiben die Regale leer. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Für seine Bauern hatte Polen in den Beitrittsverhandlungen von Anfang an 40 Prozent der in der EU üblichen Direktbeihilfen zum Lebensunterhalt verlangt, konnte sich aber nicht durchsetzen

Share if you care.