Pflasterstein ins Publikum

29. April 2004, 11:42
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Die Berliner "tageszeitung" wurde am Samstag 25 und doch nie erwachsen

Die erste Ausgabe der "tageszeitung" im April 1979 zierte ein junger, als Clown verkleideter Mann, der einen mit "taz" beschrifteten Pflasterstein ins Publikum - und somit dem Leser mitten ins Gesicht - schleuderte.

"Bereit zur Mobilisierung der kritischen Gegenöffentlichkeit"

Als fast ein Vierteljahrhundert später, im Dezember 2003, Berliner Studierende gegen drastische Kürzungen des Uni-Budgets aufbegehrten, besetzten sie unter anderem ausgerechnet die Redaktionsräume der "taz". Warum? Wegen des "Mythos" wohl. Im Flugblatt zur Aktion formulierten die Studierenden ungelenk, doch punktgenau: "Irgendwie scheint die 'taz' immer bereit zur Mobilisierung der kritischen Gegenöffentlichkeit." Seit dem "Wendejahr 1989" habe sich "die 'taz' aber von dem Projekt emanzipatorischer Gesellschaftskritik verabschiedet". Statt Aktionismus nur noch "Nachrichtenjournalismus".

Geburtstagsgrüße quer durch die deutschen Blätter

Nicht viel anders - höchstens eleganter formuliert - die Geburtstagsgrüße quer durch die deutschen Blätter. Oft werden Redakteure um Rückblenden gebeten, die in der "taz" journalistische Sporen verdient (und gruppendynamische Niederlagen erlitten) haben. So formuliert Thomas Groß in der "Zeit": "Ihr Kapital ist die Erzeugung von Eigensinn, ihr Medium weniger ein Inhalt als ein Ton." Kolumnist Klaus Harprecht, nennt die "taz" "eine Nischenexistenz mit universellem Anspruch". Allerdings sei die "taz" als Inbegriff für jugendlichen Aufbruch und Aktion auch unübersehbar in die Jahre gekommen: "So bleibt die 'taz' geprägt vom forever young, von dem alterslosen Jungsein ihrer Gründungsepoche. Aber diese Epoche geht jetzt zu Ende, gerade weil endlich Rot-Grün an der Macht ist und schon ziemlich verbraucht."

Akitonismusfolklore

Über der Folklore von Aktionismus und Stilisierung - etwa mit Werbekampagnen, die geradezu rituell an die Spendenwilligkeit der eigenen Leser appellieren, oder mit ungebremstem Szenejargon - wird häufig eine ganz andere Seite der "taz" mit professioneller Missachtung gestraft: ihre Modernität. Die "taz" sei bis heute die einzige neue "Qualitätszeitung" Deutschlands, die sich tatsächlich abhebe von den durchwegs regional verwurzelten, ebenso großformatigen wie großbürgerlich anmutenden Weltblättern, ob "Frankfurter Allgemeine", "Süddeutsche" oder "Welt", pointiert Thierry Chervel, Begründer des Online Magazins Perlentaucher und natürlich selbst ein ehemaliger "taz"-Redakteur. Chervel zählt als Beleg eine beachtliche Liste von Merkmalen auf: handlicheres Format, anschauliche Gestaltung, geschickt mit grafischen und bildlichen Elementen durchsetzt, seit 1994 und damit als erste deutsche Zeitung mit der kompletten Druckausgabe im Internet, ein Blatt, das immer wieder neue Themen ("Modernes Leben", Mode, Stadtleben) in stimmiger neuer Tonlage darzustellen vermag. Dass die taz darüber und anders als ihre große Schwester "Libération" in Paris allen Selbstermahnungen zum Trotz nie wirklich erwachsen geworden ist, sondern immer noch einem Sandkasten gleicht, ist die Kehrseite.

Die deutschen Grünen, politische Bewegung der Generation "taz", hat mittlerweile ihren Joschka als Symbolgestalt gefunden und auch zugelassen. Ob sich die taz einen ähnlichen Ruck zuzumuten wagt, ist indes ein völlig unentschiedenes Projekt. (Rüdiger Wischenbart/DER STANDARD, Printausgabe, 16.4.2004)

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"taz"

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  • Die Jubelnummer der "taz" trug Samstag das Datum 17. April 2029: Da war das Blatt 50, jetzt eigentlich erst 25.
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    Die Jubelnummer der "taz" trug Samstag das Datum 17. April 2029: Da war das Blatt 50, jetzt eigentlich erst 25.

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