Vom Eise befreit sind Hemmungen wie Hormone

22. April 2004, 12:09
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Vom Eise befreit sind Hemmungen wie Hormone - so das überraschende Fazit des heurigen Sexkolumnistinnentreffens, welches am vergangenen Montag mit einem frühlingualen Orgasmus ausklang. Nun sollte einem erfüllenden Sommer nichts mehr im Wege stehen, dachte ich beschwingt auf dem Heimweg, als mich der Zufall leider an einem Spiegel vorbeiführte. Schluck.

Ich muss in der Fastenzeit etwas falsch gemacht haben. Jetzt könnte man etliche Kolumnen damit füllen, ob Ostereieroberschenkel zu sexuellen Verklemmungen führen oder nicht, aber das ist nicht das Problem.

Das eigentliche Problem ist das Kochen, vor dem nicht genug gewarnt werden kann. Nicht immer ist das Fernsehen schuld, wenn etwas im Übermaß betrieben wird, aber diese dauernden Kochsendungen sind ekelerregend. Außerdem kann man kaum noch das Gerät einschalten, ohne auf einen dieser obszönen Auftau- und Aufreiß-Filme zu stoßen. In diesen tauen Leute immer fast essbar aussehende Gegenstände auf oder reißen Sackerln auf, um fast essbar aussehenden bunten Gatsch anzurühren. Die guten Leutchen, welche das tun, tun dies immer im Duett, stöhnen dabei und blinzeln sich zwischen Auftauen und Aufreißen spielversprechend zu. Bevor sie sich die Kleider vom Leibe reißen und die Vibratoren auspacken, ist der Film stets zu Ende, und so sieht man auch nicht, wie Aufgetautes und Angerührtes ohne jegliche Misttrennungsethik entsorgt wird.

Übrig bleibt beim Betrachter der üble Geschmack und die fatale Erkenntnis, dass Sexyness etwas mit Küchendunst zu tun haben muss. Und so nimmt die Unsitte des Kochens im Privathaushalt leider überhand.

Und so kommt es, dass auch die nettesten Damen ihre Akademikerinnenpfade verlassen und zum Herd zurückkehren. Wie neulich bei C, als vier Damen um die Wette kochten. Und das Schlimmste: ich mittendrin.

Wie schäme ich mich! Nun weiß ich, was naked Chef bedeutet: Völlig entblößt und verblödet kommt man sich vor, wenn man statt mit Herrenlenden mit Hammelnieren in der Hand ertappt wird. Noch dazu waren Männer anwesend - wollten kochende Damen unterbewusst beweisen, dass sie doch noch patriarchatstauglich sind? Nach einer Weile war ich mir so peinlich, dass ich nichts mehr zu sagen wusste und alles schön brav aufaß. Um alle Spuren dieser Verwirrung zu beseitigen.

Da man heutzutage nicht konservativ genug sein kann, klammere ich mich jetzt an Tante Traute. Sie hat nie gekocht, bloß geraucht. Nach einem Kurz-Debüt als Ehefrau (sollte man denen überlassen, die nichts anderes können, meinte sie immer) hat sie die Trautella-Spitze erfunden, das deutsch-französische Jugendwerk gegründet und sich von Willy Brandt über den Tegeler See rudern lassen. Als sie mit 90 ins Grab stieg, gaben ihr 80 Restaurantiers und etwa 234 Köche das letzte Geleit. Lauter Männer, völlig in Tränen aufgelöst. Ein schönes Ende, nicht war?
Ihre Cosima Reif, Zufallssexkolumnistin
(DER STANDARD/rondo/16/04/2004)

Von Cosima Reif

mailto:zufall
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