Europäer lehnen Bin Ladens Angebot einer Waffenruhe ab

18. April 2004, 13:11
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Frankreichs Präsident Chirac: "Keine Verhandlungen mit Terroristen"

Kairo/Algier/Berlin/London/Rom - Die Ablehnungsfront war geschlossen: Unter anderem die EU, Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Italien schlugen das Angebot Al-Kaidas aus, den Europäern einen Waffenstillstand zu gewähren. Die TV-Sender Al-Jazeera und Al-Arabija veröffentlichten Donnerstag ein Band, auf dem ein sich als Osama Bin Laden identifizierender Mann erklärte, die Waffenruhe könnte beginnen, wenn alle europäischen Soldaten die islamischen Länder verlassen hätten.

"Die Tür zu einem Waffenstillstand steht für drei Monate offen", sagte die Stimme auf dem Band. Die Fernsehsender zeigten dazu ein älteres Bild von Bin Laden. Mit der Waffenruhe sollten den Kriegstreibern weitere Möglichkeiten zum Kampf entzogen werden, hieß es weiter. Umfragen hätten gezeigt, dass eine Mehrheit der Europäer sich eine Versöhnung mit der islamischen Welt wünsche.

"Hört auf, unser Blut zu vergießen, damit wir aufhören können, euer Blut zu vergießen", sagte Bin Laden. "Die Lösung dieser einfachen, aber komplexen Gleichsetzung liegt in Euren Händen. Ihr wisst, dass die Situation eskalieren wird, je länger Ihr zögert. Macht dafür aber nicht uns, sondern Euch selbst verantwortlich. Intelligente Menschen werden nicht ihre Sicherheit, ihr Geld und ihre Söhne für den Lügner im Weißen Haus riskieren. Die Tötung der Russen folgte auf ihre Invasion in Afghanistan und Tschetschenien, die Tötung der Europäer folgte auf ihren Einmarsch im Irak und Afghanistan. Die Tötung der Amerikaner in New York folgte auf ihre Unterstützung für die Juden in Palästina."

Waffenstillstand mit den USA kategorisch ausgeschlossen

Bin Laden kündigte zudem Vergeltung für die Ermordung des Hamas-Führers Scheich Ahmed Yassin durch Israel an und verurteilte die US-Nahost-Politik: Die USA ignorierten das wirkliche Problem, die Besetzung Palästinas. Einen Waffenstillstand mit den USA schloss die Tonbandstimme kategorisch aus.

Prodi weist Angebot zurück

EU-Kommissionschef Prodi wies das Angebot eines Gewaltverzichts an die Europäer zurück. Unter den Vorzeichen einer "terroristischen Bedrohung" könne es keine Verhandlungen geben, sagte Prodi, der sich am Donnerstag in Schanghai aufhielt. Ähnliche Reaktionen kamen aus Berlin, Rom und London.

Frankreichs Präsident Jacques Chirac hat das Extremistenführer Osama bin Laden zugeschriebene "Waffenstillstandsangebot" zurückgewiesen. "Mit Terroristen kann es keine Verhandlungen geben", sagte Chirac am Donnerstag bei einer Pressekonferenz mit seinem algerischen Kollegen Abdelaziz Bouteflika in Algier. "Terrorismus ist eine Barbarei, die Unschuldige angreift, was durch keinen Grund und keine Sache gerechtfertigt werden kann."

Straw: "Osama bin Laden mit Verachtung behandeln"

Der britische Außenminister Jack Straw rief dazu auf, das angebliche Waffenstillstandsangebot von Osama bin Laden mit der "Verachtung" zu behandeln, die es verdiene. "Das ist eine mörderische Organisation, die mit denkbar gewalttätigen Mitteln unmögliche Ziele zu verwirklichen versucht", sagte der britische Außenminister. "Das ist einfach ein weiterer schamloser Versuch, die internationale Gemeinschaft auseinander zu dividieren." Das aber werde Bin Ladens Terrornetz El Kaida nicht gelingen. Straw bekräftigte außerdem, dass die Besatzungsmächte nicht aus dem Land abziehen werden. Es sei ausgeschlossen, dass die US-geführte Koalition die irakische Bevölkerung "im Stich lässt".

Schröder: "Gemeinsam auf Bedrohung antworten"

Der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder hat das angebliche "Versöhnungsangebot" des Terroristenführers Osama bin Laden als Spaltungsversuch bewertet und zurückgewiesen. "Jeder Versuch, Europa zu spalten, von wem auch immer vorgenommen, wird scheitern an der Einigkeit Europas", sagte er am Donnerstag im ZDF.

"Die Terroranschläge in Madrid haben gezeigt, dass Europa - und zwar unabhängig von der Frage wie man zum Irak-Kreig stand und steht, meine Position ist ja bekannt - gemeinsam bedroht ist und gemeinsam auf die Bedrohung antworten muss." (Schluss) hf

Der italienische Außenminister Franco Frattini wurde von der Nachrichtenagentur ANSA mit den Worten zitiert: "Es ist undenkbar, dass wir Verhandlungen mit Bin Laden aufnehmen, das wird jeder verstehen." Die deutsche Bundesregierung in Berlin erklärte ebenfalls, es werde keine Verhandlungen geben. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.4.2004/APA/Reuters/AP/dpa/red)

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