Regisseur Tarantino im STANDARD-Interview: "Quentin, warum bist du immer so überambitioniert?"

27. März 2005, 00:42
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Vor dem Start des Kung-Fu-Spaghetti- Western-Comic-Epos "Kill Bill, Vol.2": Regisseur Tarantino im STANDARD-Interview

Noch ist die Rache nicht vollzogen: Ab Donnerstag, 21.4., zieht die "Braut" Uma Thurman in "Kill Bill, Vol. 2" erneut mit dem Samuraischwert los. Dominik Kamalzadeh traf Regisseur Quentin Tarantino zum Gespräch über sein Kung-Fu-Spaghettiwestern-Comic-Epos.

STANDARD: "Kill Bill, Vol. 2" läuft zwingend auf die Konfrontation der Killer-"Braut" mit ihrem Exgeliebten Bill hinaus. Welche der beiden Figuren liegt Ihnen denn näher?

Quentin Tarantino: Die einfache Antwort lautet: Ich bin beide. Und hier ist der spannende Teil der Antwort: Es gibt bestimmte Qualitäten von Bill, die sicher zu mir gehören. Die "Braut" war hingegen anfangs nicht so sehr Teil von mir – aber im Laufe des Schreibprozesses, während ich durch ihre Augen den Rachefeldzug miterlebte, wurde ich immer mehr zu ihr. Ich wurde zur "Braut". Das heißt nicht, dass sich beim Schreiben immer mehr Hass in mir aufstaute, sondern: Ich wurde weiblicher.

STANDARD: Sie haben sechs Jahre an dem Film gearbeitet und nahmen sich diese Zeit einfach – wie Kubrick?

Tarantino: Nun, vielleicht hab' ich ein wenig zu lange gebraucht ... Aber ich habe tatsächlich die ganze Zeit gearbeitet. Was Kubrick betrifft: Ich bin zwar nicht sein allergrößter Fan, aber ich bewundere den Umstand, dass er innerhalb der Industrie das Leben eines Künstlers geführt hat. Er hat keine Filme aufgrund einer bestimmten Ambition gemacht und schon gar nicht wegen des Gehaltsschecks: Er meinte jeden Film so, wie er ihn realisierte. Es gibt keinen "linkshändigen" Film in seinem Oeuvre – er mag den ein oder anderen schwächeren Film gemacht haben, aber er drehte ihn nicht aus falschen Gründen. Deshalb behielt er seine ganze Karriere lang seine Vitalität.

STANDARD: Sie mussten aus einem Film zwei machen. Wie lange sollte den die ultimative "Kill Bill"-Fassung sein?

Tarantino: Nun, ich habe mich schon oft gefragt: Quentin, warum bist du immer so überambitioniert? Siehst du nicht ein, dass Filme für dich einfach zu klein sind? Ich habe versucht, an diesem Enthusiasmus zu arbeiten ... Im Ernst: Ich habe außer einer Szene nichts fallen gelassen. Im Grunde hat mich die Aufteilung in zwei Teile ja nie gestört – fragen Sie Uma Thurman! Sie wird Ihnen erzählen, dass es eigentlich meine Idee war, aus Kill Bill zwei Filme zu machen. Ich habe es nur nicht ausgesprochen und darauf gewartet, bis es die Idee des Produzenten Harvey Weinstein war. Es war – wie Uma einmal meinte – das größte Schachspiel meines Lebens.

STANDARD: Und welche Gründe gab es für diesen Schachzug?

Tarantino: Mir schwebte stets dieser epische 60er-Film vor: Wo man in der Mitte den "Pause!"-Hinweis erhält. Das heißt, ich habe vielleicht nicht an zwei Filme gedacht, aber an zwei größere Teile. Der Stimmungswechsel in der Mitte des Films war also von Beginn an beabsichtigt – er steht schon so im Drehbuch. Sodass ich mir, als endlich die Idee mit den zwei Filmen auftauchte, dachte: Es könnte ganz gut funktionieren.

Mein gigantisches Mittelstück wurde damit zum gigantischen Höhepunkt von Teil 1. Und: Kill Bill ist eben ein seltsamer Film, der keine endgültige Form hat. Man könnte zig verschiedene Fassungen daraus erstellen, und jede hätte eine unterschiedliche Kinoerfahrung zur Folge. Er lässt sich endlos modulieren – man könnte vor jedem neuen Film, Woche für Woche, ein Kapitel stellen, und nach zehn Wochen hätte man den ganzen Film gesehen.

STANDARD: Ist das Kapitel "Kill Bill" für Sie nunmehr abgeschlossen?

Tarantino: Ich habe schon daran gedacht, noch weiterzumachen: Ich könnte ein Prequel drehen über den Ursprung von Bill. Ich könnte einen Comic-Ableger im Stile der "graphic novels" von Frank Miller über die Deadly Vipers machen. Sie alle würden ja einen eigenen Film verdienen. Es könnte auch eine Zatoichi-ähnliche Rückkehr von Elle Driver geben ...

Eine bestimmte Version habe ich jedoch für ein Volume 3 wirklich vorgesehen: Die Geschichte würde 15 Jahre später spielen. Die "Braut" würde auch vorkommen, aber sie wäre nicht länger der Star. Der Star wäre Nicky, die Tochter von Vernita Green. Sie hätte all die 15 Jahre lang trainiert, um die Braut aufzustöbern und zu töten. Die "Braut" wäre also der Bösewicht, denn aus ihrer Perspektive würde Nicky die Rache ja verdienen.

STANDARD: Kung Fu, Italowestern, etc. – es gibt ja etliche Referenzen in "Kill Bill". Gehen Sie eigentlich von diesen aus?

Tarantino: Der Startpunkt sind sie nicht. Ich wollte wieder einen Film mit Uma drehen, ich wollte eine Rachegeschichte erzählen. Als wir damals, 1994, das erste Mal über das Projekt sprachen, waren der Samurai-Aspekt, die Gedanken an die Shaw-Brothers oder an die Spaghettiwestern noch nicht ausgereift. Aber das Rachesujet gab es damals schon – ich liebe diese Rachegeschichten ...

STANDARD: Uma Thurman ist Ihre Lieblingsschauspielerin. Was haben andere an ihr übersehen?

Tarantino: Sie ist für mich nicht nur eine herausragende Schauspielerin, sie hat für mich zudem die Ausstrahlung einer dieser großen Stummfilmdiven oder auch der Stars der 30er- und 40er-Jahre. Es gibt heute ganz wenige Schauspielerinnen, die ich mir in der damaligen Zeit als Stars vorstellen könnte. Uma hingegen könnte Greta Garbo, Ida Lupino oder Marlene Dietrich ebenbürtig sein. Vielleicht lebt sie einfach in der falschen Ära. Indem ich sie am Anfang von Kill Bill, Vol. 2 in Schwarz-Weiß filmte, hab' ich das zweifellos bewiesen.

STANDARD: Ohne zu viel zu verraten: Das Ende ist ambivalent. Es gibt Tränen und Freude.

Tarantino: Für mich ist es ein Happyend. Ich liebe die "Braut". Ich habe sie durch so viel Leid geschickt. Jetzt will ich, dass sie ein glückliches Leben führt – zumindest für die nächsten 15 Jahre. Sie hat das verdient.

STANDARD: Worauf werden Sie als Jurypräsident der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes besonders achten?

Tarantino: Es wird nicht meine Aufgabe sein, die Jury zu schikanieren, sondern eine ästhetische Ausrichtung vorzugeben, nach der die Filme beurteilt werden sollen. Ich will, dass bei diesem Festival der Film zuerst kommt. Es geht nicht um den Regisseur oder wie viel ein Film gekostet hat oder um die politischen Umstände seines Entstehens. Mir geht es ganz allein darum, dass der beste Film gewinnt. Negativität und Zynismus will ich genauso vermeiden wie eine Ästhetik, die völlig weltfremd ist. Ich will eine Jury aus Leidenschaft – eine, die für ihre Überzeugungen kämpft und nicht dafür, bestimmte Filme zu verhindern. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.4.2004)

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    Quentin Tarantino, 1963 in Knoxville, Tennessee geboren, wuchs in Kalifornien auf. Er verließ die Schule mit 17 Jahren und jobbte in einem Videoarchiv, wo er sich sein reichhaltiges Filmwissen zulegte. Zunächst versuchte er sich als Drehbuchautor; mit dem Low-Budget-Film "Reservoir Dogs" erregte er erstmals Aufsehen. Bereits seine zweite Arbeit, "Pulp Fiction", gewann 1994 die Goldene Palme in Cannes. (kam)

  • 'Kill Bill, Vol. 2' feiert Montag, den 19. 4., in Wien eine STANDARD- GalapremiereLink   kill-bill.com
    foto: buena vista

    'Kill Bill, Vol. 2' feiert Montag, den 19. 4., in Wien eine STANDARD- Galapremiere

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    kill-bill.com

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